04.03.2005



Nebenzeit



Ich habe die letzte Nacht kaum geschlafen. Irgendwann, in akuter Rastlosigkeit, zwang ich mich auf die Couch, da war es schon 3 Uhr. Zwischen 3 Uhr und 6.30 Uhr fehlt ein Stück Erinnerung. 6.30 Uhr störten mich die Geräusche des Fernsehers, außerdem war ich in normaler Kleidung eingeschlafen und fühlte mich aus durchbrochener Gewohnheit unwohl. Hatte ich es also mal wieder nicht geschafft, ins Bett zu gehen.

Ich stand auf, machte den Fernseher aus, und: Mir wurde mit einem Mal klar, warum Kinder, wenn sie ein Winterbild malen, den Schnee mit blauen Linien umranden. Es sieht ganz genauso draußen aus.





Es ist schon hell, aber die Sonne geht erst noch auf. Ich liebe diese Minuten am Morgen: Die Nacht ist zwar schon vorbei, aber vor Sonnenaufgang ist es noch nicht Tag. Wie nennt man diesen Zeitraum? Tacht vielleicht? Oder Nag? Mit Dämmerung gebe ich mich nicht zufrieden. Abends dämmert es auch, aber die morgendliche Dämmerung ist eine andere als die abendliche. Gut, man könnte es zur näheren Spezifizierung Morgen- und Abenddämmerung nennen. Aber für die Zeit zwischen Nachtigall und Lerche, die Sekunden, in der literarische Schicksale beschlossen, besiegelt und vernichtet wurden, für die Minuten, in denen sich in mittelalterlichen Turmzimmern die heimlichen Geliebten Lebewohl sagen, möchte ich nicht nur den terminus technicus „Morgendämmerung” haben. - Während dieser Überlegung am Fenster stehend erwache ich leider komplett. Die Haut am ganzen Körper fühlt sich wie eine nasse Schicht aus Frischhaltefolie an. Ich weiß schon, was mir den ganzen Tag bevor steht: Ich habe wieder einen Tag ohne Gestern. Ich habe den letzten Tag nicht richtig beendet, ergo geht es mit dem weiter, was eigentlich Gestern werden sollte. Also ist es jetzt nicht 6.39 Uhr, sondern 30.39 Uhr. Na, das kann ja ein Spaß werden. Kann ich wieder den ganzen Tag meine Tageszeit ausrechnen und wenn heute Gestern weiter geht, dann ist morgen übermorgen. Das passiert, wenn man nicht ins Bett geht: Man verliert Heute und Morgen. Großartig. Besser, ich spüle mir erst einmal die klebrige Frischhaltefolie vom Körper.

Unter der Dusche bemerke ich es dann zum ersten Mal: Die Badezimmerheizung hat leise vor sich hingeknistert - manchmal ist auch ein mittellautes Knacken dabei - als es sich plötzlich so anfühlt, als würde mir jemand eine Kerzenflamme ans Gesicht halten und ich zucke zurück, weil ich mir nicht die Haare verbrennen will. Dann merke ich es auch an der Schulter - es ist eine angenehme Wärme, die aber bei mir mit Vorsicht verknüpft ist. Außerdem steht niemand in meinem Badezimmer und schwenkt mit Kerzen. Es ist der Heizstrahler, der mir heute viel wärmer als sonst vorkommt. Gut, ich wundere mich etwas, denke aber nicht weiter darüber nach. Mittlerweile ist es schon 7 Uhr. Nein, 31 Uhr. Um diese Zeit wollte ich ohnehin aufstehen. Wär ich mal nur - nicht ärgern.



Ich gehe in die Küche, fülle die kleine Espressokanne erst mit Wasser und dann mit Espressopulver, stelle alles gut verschraubt auf den Herd und höre es leise brummen. Steht eine der beiden Katzen hinter mir, um mir auf kätzisch zu sagen, dass es jetzt nicht nur Frühstückzeit für mich ist. Ich drehe mich um: Keine Katze. Aber es brummt. Kühlschrank? Nein, der scheppert mehr. Ich schaue aus der Küchentür um die Ecke und sehe Sushi gemeinsam mit Puck auf dem gelben Hocker liegen. Beide haben die Augen geöffnet, schauen mich an und schnurren. Hier ziehen sich das erste Mal meine Augenbrauen als Ausdruck der leichten Verstörung zusammen. Hocker samt Katzen ist ca. 2 Meter von der Küche weg. Ich gehe probehalber hin und lege ein Ohr an die Tierbäuche: Ja, es brummt. In beiden Bäuchen. Aber das hört man bis zur Küche? Muss ich mich wundern? Hab ich was in den Ohren? Wasser vom duschen? Das kann verstärkend wirken - ich kenn das von früher aus dem Schwimmbad. Wenn da ein Tropfen nicht das Ohr richtig verstopfte, sondern mehr im Gehörgang lag, hörte ich alles viel lauter und greller. - Ok, das wird weg gehen. Frühstück, Frühstück, was essen, dann geht vielleicht ein Geist von gestern schlafen und ich fühle mich nicht mehr ganz so verkehrt.

Ich gehe zurück in die Küche, öffne den Kühlschrank: Bananen. Es riecht überall nach reifen, fast schon matschigen Bananen! Der ganze Kühlschrank! Sind mir die Biester wieder vergammelt? Ich schaue ins Gemüsefach - nein. Bananen sind schön gelb, frisch. Aber sie duften! So riechen Bananen sonst nur, wenn sie morgen vergammeln wollen. Das ist sozusagen die letzte Erinnerung für den Esser: Hey, ich kann es dir ja nicht sagen, aber morgen bin ich dann verschimmelt! Du kannst mich heute zumindest noch püriert in Joghurt mixen. Morgen ist es auch dafür zu spät. Meine Bananen sind aber noch ganz frisch. Gut. Aber irgendwas stimmt hier nicht. Wie ist das denn mit den sieben Sinnen? Gebe ich die ab, wenn ich abends ins Bett gehe und bekomme sie morgens dann wieder? Wie ist das, wenn man es verpasst hat, richtig ins Bett zu gehen und es dann 31.30 Uhr ist: Habe ich die doppelte Portion an sieben Sinnen bekommen und muss jetzt, 31.31 Uhr also vierzehn Sinne unter Kontrolle bekommen? Das ist zu viel!



Ich mache den Test: In der Dose mit dem Espressokaffee hatte ich vorher so eine widerliche, türkische Mischung, die wie Straßendreck mit Zitrone schmeckte - wobei Kaffee sowieso nie nach Zitrone schmecken sollte, nach Dreck aber bitte auch nicht unbedingt - ich koste den Espresso. Herrlich. Ja, das ist Espresso - mit dem Nachgeschmack von Zitrone und Straßendreck! Das ist doch bitte nicht wahr! Hinter mir scheppert kurz der Katzenfutternapf und ich fahre erschrocken rum. Ok, damit ist klar: Nicht nur Nase, Geschmacksnerven und Haut sind betroffen, sondern auch die Ohren. Auf die empfindlichen Augen bereite ich mich gerade vor. Wär ja zu schön, wenn ich die Brille zum lesen heute mal nicht bräuchte. Ich mache die Schreibtischlampe an und schaue auf das Buch, das ich vor 10 Stunden zuletzt anschaute: Ach, wär ja zu schön gewesen. Verschwommen wie immer. Aber es ist ganz schön hell, meine Güte!



Ich frühstücke und versuche, mich an den doppelt gefühlten Tag zu gewöhnen. Ich kann nicht sagen, dass es sich hierbei um eine Reizüberflutung handeln würde. Nein. Ich nehme nur die Dinge, die sonst zwar registriert, aber nicht weiter beachtet werden, heute in kompletter Stärke wahr. Lässt sich daraus was machen?



Es ist jetzt 36 Uhr. Ich sitze in der Bibliothek und habe hunderte Parfüms, Duschbäder, Waschmittel und Alkoholfahnen gerochen. Rechts von mir sitzt ein Topf Nivea und links eine verführerische Sommerfrische mit dem Zusatz von stechender Jasminsüße und Maiglöckchen. Mir ist etwas übel. Ich mache mir meine CD an: Bach, Solopartiten für Violine BWV 1001-1006. Doch ich höre schweres Atmen, Schniefen, einen sich in widrige Höhen leidenden Geiger. Ich fühle seine Haare rascheln, als er zu den in Zweiunddreißigsteln gejagten Arpeggien ansetzt, die Augen zusammenkneift, und sich schwer atmend an der Musik abarbeitet. Ich bin für einen Moment fasziniert. Die Fingerkuppen rutschen über die mit feinem Draht umspannten Seiten und lassen ein riffliges Zirpen hören. Der Raum, in dem der Geiger spielt, hat einen leichten Hall. Ich höre zudem noch den Lüfter meines Laptops rauschen und brummen. Ich nehme die Kopfhörer ab und frage die links neben mir sitzende Jasmin, ob sie sich von meiner Musik gestört fühlt. Sie schaut verständnislos. Ja, guck du nur. Ich weiß, dass du gestern ins Bett gegangen bist. Und deine Uhr geht falsch. Es ist jetzt 37.14 Uhr.



Es hat mich keiner erlöst. Mir schwirrt der Schädel. Mein Hirn hatte keinerlei Erbarmen mit mir und gab mir den ganzen Tag sämtliche Informationen ungefiltert ins Bewusstsein durch. Meine Welt heute war voll von Flüstergebrüll, umgeschlagenen Buchseiten, schabenden Stiften auf Papier, Tastaturgehacke, -8°C gefühlter Temperatur, die klebende Frischhaltefoliehaut kam gegen 39.57 Uhr wieder und ich finde es eine Unverschämtheit, dass man die Händetrockner aus dem ersten Stock auch im Keller hört. So fühlt sich also einer, der zwischen den unterschiedlichen Reizen nicht unterscheiden kann. So was gibt es ja: Da sortiert das Hirn nicht, was wichtig ist. Es rangiert alles auf derselben Reizebene: Der gelbe, am Fenster vorbei tanzende Schmetterling, das brummende Flugzeug am Himmel, das hupende Auto, das mich gleich umfährt, die auf der anderen Straßenseite schimpfende Frau mit dem kläffenden Köter, der so eine hässliche Fellfarbe hat, aber perfekt zu der links um die Ecke sitzenden Katze passt, etc. Da wird man hyperaktiv: Man möchte zu jedem Reiz hin- und gleichzeitig weglaufen. Eine echte Zerreißprobe!

So war es ein atomlichtheller Tag und ich konnte ihm nicht eine Sekunde aus dem Weg gehen.

4.3.05 22:07

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