27.10.2004

Unf?lle, die kein Mensch braucht ? oder: Der Tag, an dem ich fluchen lernte.

Heute: Du und dein Fahrrad.

Ich besitze ein Fahrrad. Das hat einen Grund: Es ist modisches Accessoire. Irgendwer sagte mal: Aussehen ist alles. Ich muss das berichtigen: Gut aussehen ist alles! Das war mir so auch noch nicht bewusst. Aber sei's drum.

Ich brauche mein Fahrrad und ich liebe es.
Ich wohne am Stadtrand. Meine Heimatstadt bezeichne ich gerne als eine Scheibe Wurst, die zu lange in der Sonne gelegen hat: Ihre R?nder sind fast rund um das Zentrum drum herum nach oben gezogen und auf eben so einem Rand lebe ich. Es h?rt sich etwas nach dem Ende der Welt an, was es auch in gewisser Weise ist. Aber man entwickelt dort oben ein etwas dekadentes Lebensgef?hl. So habe ich mir beispielsweise angew?hnt, den Wurstrand auf dem Fahrrad ungebremst und mit den Solopartiten f?r Violine von J.S. Bach im Ohr hinabzudonnern und unten angekommen mit einem mentalen Kniefall Gott f?r mein Leben zu danken. Das ist so der Kick, den ich mir g?nne.

Ein weiterer Kick ist es, nachts mit dem Fahrrad durch unbeleuchtete Seitenstra?en zu jagen. Da die Fahrradlampe noch nie funktionierte, fahre ich demnach rasant blind. Aber ich sehe gut dabei aus: Schwarze Jacke, schwarzer Schal, schwarze M?tze, keine Sonnenbrille, schwarze, ?-lange Hose, schwarze, nicht zugebundene Springerstiefel, fertig. Ich bin praktisch in unbeleuchteten Seitenstra?en auf dem Fahrrad nicht zu sehen und das ist auch Sinn und Zweck der ?bung: Ich fahre mich unsichtbar.

In so einer Nacht in einer unbeleuchteten Seitenstra?e passierte auch einer meiner grandiosen Fahrradunf?lle. Die Unf?lle, die ich produziere, enden immer damit, dass mir irgendwas anschlie?end gr?sslich weh tut, aber dem Fahrrad geht es danach blendend. Ebenso kommt nie eine andere Person zu Schaden. Nur ich.

Aber jetzt der Reihe nach: Es war so eine Nacht, in der mich die innere Unruhe immer wieder aus dem Bett scheuchte. Es hatte nichts geholfen: Das warme Bad schlug fehl, von der hei?en Milch hatte ich mich ?bergeben, alle einschl?fernden B?cher waren gelesen, der Fernseher war zu laut und als H?rbuch hatte ich nur Klaus Kinski da, der mir st?hnend erz?hlte, dass er so wild nach meinem Erdbeermund w?r. Dieses v?llig abstrakte, aus meinem Schlafzimmer ert?nende M?nnergest?hn war dann der Rest, dass ich endg?ltig nicht schlafen konnte. Also zottelte ich das Fahrrad vom Flur auf die Stra?e, stieg auf und los ging's.

Die erste, unbeleuchtete Seitenstra?e zu finden war nicht schwer: Der Wurstrand besteht praktisch nur aus Seitenstra?en. Ich leg also den Berggang ein und rase los. Ich habe einen Weg gew?hlt, der schnurgerade zwischen einer H?userfront und einem unbeleuchteten Hof hindurch f?hrt. Manchmal ist dieser Hof beleuchtet, wenn noch Menschen hinter den Fenstern wach sind. Aber jetzt ist es schon zu sp?t und ideal f?r mich und meine Unsichtbarkeits?bung. Eigentlich kenne ich diesen schnurgeraden Weg ziemlich gut, da ich ihn oft entlang fahre, allerdings ist es dabei immer Tag und hell. Demnach wei? ich also, dass am Ende des Wegs eine kleine Treppe und eine Kinderwagenrampe ein St?ck nach oben f?hren. Treppe und Rampe sind durch ein Gel?nder getrennt. So langsam zeichnen sich auch Treppe und Rampe im Dunkeln ab und mir wird dennoch schlagartig eins klar: Bei Null Beleuchtung ist einfach nicht mehr auszumachen, was Rampe und was Treppe ist. Ich fahre nun also auf Treppe und Rampe zu, bin gerade knapp vor dem temporalen H?hepunkt und ?berlege kurz, auf welcher Seite die Kinderwagenrampe ist. Nach einem kurzen Eene-meene-muh-Spiel entscheide ich mich f?r rechts. Ich glaube auch, mich erinnern zu k?nnen, dass es rechts nach oben geht. Ich k?nnte nat?rlich auch einfach bremsen und nachsehen, oder vor der Treppe mit Rampe wenden und zur?ck fahren. Aber nein: Ich bin auf "Rampe-rauf" programmiert und wenn der Pawlow'sche Hund einmal sabbert, gibt es kein Zur?ck mehr. Ich ordne mich also unsichtbar rechts ein, trete noch mal kr?ftig zu, strenge meine Augen an und ? ja ? ich fahre eine Rampe hinauf. Kurz nach dieser ersten Rampe, ein St?ck um die Ecke, gibt es dann noch mal dieselbe Konstruktion von Treppe und Rampe und diesmal hab ich nicht gen?gend Zeit, noch einmal zu ?berlegen, wo es nach oben geht. Aber was einmal funktioniert, funktioniert auch ein zweites Mal. Ich geb also weiter Gas, um die Rampe mit Vollspeed hochzufahren, ziehe den Lenker nach rechts, trete erneut zu, mache mich hochfahrbereit und ? meine Fahrt wird von hundert auf null abgebremst. Treppe.
Mit einem leichten Ruck hebt es mich aus dem Sattel, aber der Schwung reicht nicht, um mich komplett ?ber den Lenker hinweg zu heben, sondern es schleudert mich, w?hrend ich hilflos mit den H?nden in die Nacht greife, unsanft gegen den Lenker und zwar mit der K?rperpartie, die richtig empfindlich ist.

Liebe M?nner: Ihr kennt diesen Schmerz, der euch in die Knie gehen, nach dem lieben Gott rufen und mindestens 2 Oktaven h?her wie ein Schulm?dchen kreischen l?sst? Lasst euch eins sagen: Ihr seid nicht allein. Nach den ersten, atemlosen Sekunden rutschte ich etwas vom Lenker hinab, die Fahrradklingel dr?ckte am Bauch und ich bekam das volle Programm: Sternchen, Glockenl?uten, die Augen quellen aus den Augenh?hlen, der Mund steht offen, um ein Br?llen zu entlassen, die Arme sind noch immer in derselben, hilflosen Greifgeb?rde eingefroren und man ist f?r einen Moment besinnungslos.
Sobald dieser Moment verstrich, lernte ich eine ganz neue Seite an mir kennen. Mir fielen Vokabeln ein, die ich mein Lebtag noch nicht benutzt hatte und die alles andere als ladylike sind, aber auf der anderen Seite auch niemals in einer ausgewachsenen Schimpftirade fehlen d?rfen (Der Anstand verbietet mir allerdings, dieses Bierkutschergeschrei wortw?rtlich wiederzugeben.): Ich verfluchte die Bauarbeiter, die einmal die Rampe rechts und dann links bauen, ich verfluchte die Treppe, ich verfluchte das Dunkel, ich verfluchte noch mal die Bauarbeiter und ihre Familien dazu und schlie?lich verfluchte ich auch noch die Rampe. Ich hab sie alle verflucht. Alle! Und dann hab ich im Cowboy-Gang mein Fahrrad heim geschoben.

Dieser Auftakt meiner skurrilen Fahrradunf?lle war f?r mich ?u?erst beeindruckend. Von den unter Schmerz erlernten und produzierten Phrasen zehre ich noch heute. Das n?chste Mal erz?hl ich dann meinen liebsten Kneipenunfall, der zum Feiertag in der Notfallchirurgie und einem Pritschenrennen zwischen mir, meinem damaligen Freund und zwei Krankenpflegern endete und dann h?tte ich noch einen Schwank, der sich um ein Messer, eine Portion gefrorenen Kartoffelbrei und einen Zeigefinger dreht.

blablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablabl

27.10.04 14:16

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bisher 5 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Milf (29.10.04 10:50)
Wie schaffst du es nur immer wieder, so etwas schmerzhaft unangenehmes in solche Worte zu verpacken? Und dann auch noch aufzuschreiben?

In Schreibblockade verharrend,
Milf Andunuial


Madame herself (29.10.04 11:28)
Chaos macht das Leben bunt.

Man muss den Schmerz annehmen, um ihn überwinden zu können. (Zen.) Und dann muss man drüber lachen und die nächste Treppe versuchen hochzufahren. (Moi.) Dann suche man sich jemanden, den man gerne erheitern möchte und schreibe alles auf. (Moi aussi.) Die Worte kommen ganz von alleine, wenn man sich gut erinnert.

Weitere Fragen?


Milf (30.10.04 09:26)
Keine weiteren Fragen.
Tusch! Applaus!


dor alex (4.11.04 22:29)
schleimer! :rofl2:


nochma dor alex (4.11.04 22:31)
och nö, jetz kennt dein blödes programm meinen schönen smilie nich

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