15.10.2004

Unterland

Es ist der f?nfte Tag nach Unterland. Ich stehe am Fenster bei zur?ck gezogenen Gardinen und meine linke Hand ber?hrt den Tisch. Ich sage laut: "Manchmal muss man auch schweigen k?nnen." Das ist aber genauso wie schweigen, denn es hat mich keiner geh?rt. Rechts von mir h?ngt die Kopie einer meiner Zeichnungen an der Wand und an der Wand gegen?ber h?ngt ein Gipsabdruck eines Frauenhalses. Eine verlorene Form. Das hei?t, sie w?re verloren, h?tte ich sie ausgegossen. Aber man nennt sie trotzdem so, obwohl sie noch da ist. Jetzt sind schon zwei verlorene Formen in dem Raum: Der Abdruck und ich.

Ich habe seit vier Tagen die T?r nicht mehr ge?ffnet und den Briefkasten nicht geleert. Alles schien so, als w?re ich nicht da. Wenn jemand klingelte, blieb ich ganz still in meinem Zimmer sitzen und r?hrte mich nicht. Wenn die Schritte im Treppenhaus sich von meiner T?r entfernten, wagte ich wieder zu atmen.
Am ersten Tag nach Unterland habe ich atmen ge?bt. Am schwersten war es, einzuatmen. Zuerst holte ich immer wieder so tief Luft, bis der Brustkorb schmerzte und danach presste ich jeden Atem wieder aus mir heraus. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie das bisher von alleine gegangen war und konnte an nichts anderes mehr denken. Nach zehn tiefen Atemz?gen wurde mir schwindlig und ich musste ausruhen. Ich setzte mich an den Tisch, streckte die Arme weit von mir und legte die linke Wange auf die Tischplatte. Die Tischkante grub sich unter dem Brustkorb ins Fleisch und ich dr?ckte mich dagegen. Die ersten Minuten sp?rte ich keinen Schmerz, aber das Atmen wurde zunehmend schwerer. Unter mir nahm die Tischplatte langsam meine K?rperw?rme an und als das Holz, meine Arme und meine linke Wange dieselbe Temperatur zu haben schienen, richtete ich mich wieder auf. In dem Moment hatte der Tisch mehr Leben als ich.

Dann kam der zweite Tag. Ich schaute mehrere Stunden Fotographien der Skulpturen von Giambologna an. Man wusste, dass eine Skulptur von ihm war, wenn er sie signiert hatte. Er hat ein Zeichen von sich auf jedem Werk gelassen und erst mit der Signatur wurde die Skulptur zu seinem Werk. Ich wollte auch ein Zeichen von mir lassen. Ich suchte alle meine Bilder und Zeichnungen zusammen und untersuchte sie auf ihre Signaturen. Ich stellte fest, dass die Werke vor 2000 mit einer anderen Signatur versehen waren als die Werke nach 2000. Damit waren sie ein unzuverl?ssiges Zeichen ?ber mein Dasein und so war auch eines klar: Ich musste eine neue Spur legen. Ich nahm eine Radiernadel und begann an der Unterseite des Tisches: In alles, was ich an dem Tag finden konnte, habe ich ein "D" eingeritzt oder darauf geschrieben. Bei den B?chern dauerte es am l?ngsten. Danach war ich etwas erleichtert.

Am dritten Tag nach Unterland ?bte ich Verlorensein. Ich zog die Gardinen vor dem Fenster zu, l?schte das Licht und beschloss, diesen und auch den n?chsten Tag das Haus nicht mehr zu verlassen. Ich stellte mich darauf ein, dass es lange dauert, bis man als verloren gilt. Ich lie? das Telefon klingeln, ich r?hrte kein Buch an und das Radio blieb stumm. Ich sprach an diesem Tag kein Wort, denn jede ?u?erung meinerseits h?tte alles zunichte gemacht. Ich streichelte nicht die bettelnde Katze, aber ich gab ihr Futter. Ich wusste, sie w?rde mich nicht verraten. Ihr lautes Miauen war mit Sicherheit ein Indiz f?r mein Verlorensein. Als ich die Katze gef?ttert hatte, schloss ich mich in mein Zimmer ein und lie? sie nicht zu mir. Nach einer Weile des Bettelns hatte sie offenbar vergessen, dass ich auf der anderen Seite der T?r war und ging wieder.

Dann kam Tag vier. Ich hatte mir, weil es am Morgen kalt war, einen Wollpullover angezogen, der am Hals kratze. Ich besah im Spiegel die ger?tete Haut und die Kratzspuren meiner Fingern?gel. Dabei streckte ich das Kinn nach oben und es spannte sich am Hals eine Sehne. Ich bef?hlte sie nicht, aber ich sah sie und das auch nur, weil ihr Hervortreten einen weichen Schatten auf dem Hals hinterlie?. Ich zog den Pullover aus und auch das Hemd, das ich darunter trug, ?ffnete den Badezimmerschrank, nahm Gipsbinden heraus, zerschnitt sie in kleine St?cken und weichte sie im Waschbecken ein. Danach legte ich die Bindenschnipsel St?ck f?r St?ck auf meinen Hals, strich mit beiden H?nden dar?ber, bis alle Poren der Binden verschlossen waren und wartete. Langsam trocknete der Gipspanzer um meinen Hals und ich durfte den Kopf nicht bewegen, da meine neue H?lle sehr zerbrechlich war. Nach einer halben Stunden h?tte ich den Gips von meinem Hals l?sen k?nnen. Da ich den Hals vor dem Eingipsen nicht eingecremt hatte, klebte der Gips auf mir wie eine neue Haut. Ich ging vorsichtig mit gestrecktem Hals in mein Zimmer und legte mich mit behutsamen Bewegungen hin. Das, was langsam zu einer neuen Form wurde, sollte noch eine Weile ein Bestandteil von mir sein, bevor wir getrennter Wege gehen mussten.

Jetzt ist Tag f?nf nach Unterland. Hinter mir liegen eine W?rmeosmose, eine Spur, ein Verlorensein und ich bin zur Form geworden. Ich m?chte wieder auftauchen. Ich ziehe die Gardinen vor dem Fenster zur?ck, h?nge an der rechten Wand die Kopie einer signierten Zeichnung von mir auf, an der Wand gegen?ber befestige ich den Gipsabdruck. Ich ber?hre mit der linken Hand die Tischplatte. Ich atme einmal tief ein, bereite mich auf das Auftauchen vor und trete ans Fenster, damit ich gesehen werde.

Aber drau?en vor dem Fenster geht keiner vorbei.

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15.10.04 01:23

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