25.08.2004

Ein Zuviel vom Zuwenig

Immerzu habe ich das Gef?hl, es sitzt eine Katze neben mir. Das ist nicht ganz ungew?hnlich, denn ich habe zwei Katzen und beide sitzen auch oft abwechselnd links von meinem Stuhl. Dann strecke ich am Schreibtisch sitzend beruhigend hinhaltend und abbremsend meine linke Hand aus, um die Katze neben mir noch einen Moment nach unten zu zwingen, bevor sie alles Abwehren ignoriert und mir auf den Scho? springt.

In letzter Zeit ertappe ich mich immer wieder dabei, dass ich die beschriebene Handbewegung ausf?hre und es sitzt gar keine Katze neben mir. Ich bezwinge Luft. Ich rede mit dem Fu?boden. Ich beruhige nichts und mein Scho? bleibt leer. Ich beginne, meine beiden Mitbewohner mit ihrer ganz eigenen, charmanten Aufdringlichkeit zu vermissen. Ich glaube, sie stehlen sich langsam davon.
Wenn ich mir dessen bewusst werde, nehme ich oft das Telefon in die Hand und will jemanden anrufen, ihm sagen, dass sich langsam etwas auf meinem Leben stiehlt. Das Zuwenig wird immer gr??er. Die Hosen werden weiter, das Tiefk?hlfach friert zu und das Obst vergammelt im K?hlschrank, der Minutenzeiger rast, ich halte den Telefonh?rer in der Hand und stelle fest, dass ich alle Freunde zu lange nicht mehr gesprochen habe, um ihnen eine derartige Belanglosigkeit mitzuteilen, dass keine Katze neben mir sitzt und ich eine Gewohnheit beibehalten habe, die im Grunde schon nicht mehr existiert. Ja, wie jetzt? Ich hindere eine Katze daran, mir auf den Scho? zu springen, die gar nicht da ist.

Ich habe ein Zuviel von dem Zuwenig. Man kann es sich auch anders vorstellen: Ich trainiere nun seit ein paar Jahren das Alleinsein. Anfangs hielt ich es f?r eine gesunde Sache. Man lernt, mit sich selbst klarzukommen, entwickelt ein Selbstbild, ohne sich immerzu fremdzuspiegeln, man verzichtet auf Hilfe, um dies und das endlich mal alleine zu schaffen, man ruft ein paar Tage lang keine Freunde an, um manches und jenes alleine auszukaspern, zu durchdenken und zu l?sen, man erfindet seltsame Strategien, um den Bierkastentransportaufwand zu minimieren UND man legt sich Katzen zu, um das Alleinsein irgendwie weniger einsam aussehen zu lassen.

Dann, eines Tages, sitzt keine Katze mehr neben einem. Sie hat schon lange nicht mehr neben einem gesessen und man stellt es erst Tage oder Wochen sp?ter fest. Auf einmal bin ich nicht mehr alleine. Ich bin tats?chlich einsam geworden. Mit einem Mal bin ich Eine mir nicht mehr alles und werde mir meiner Vereinzeltheit auch noch bewusst. Pl?tzlich fehlt mir eine N?he, ein Atmen neben meinem, eine vorsichtig an meine Wange gelegte Hand, ein um ein Achtel verschobener Schritt neben meinem, die zweite Stimme im Kanon. Eine ins Schloss fallende T?r und die Gewissheit, dass sich diese in ein paar Stunden wieder ?ffnet.

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25.8.04 17:24

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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Milf (26.8.04 13:31)
Dann sperre mal Deine Lauscher auf und lausche.
Hoerst Du ein Scharren?
Schau zur Tuer, sie ist zu.
Lausche wieder.
Hoerst Du ein Scharren?
Kratzt da nicht eine ausgesperrte Katze an der Tuer?
Weisst Du noch, wie das geht?
Aufstehen?
Zur Tuer gehen?
Die Klinke druecken?
Die Tuer aufmachen?
Die Katze will rein.
Hoerst Du sie nicht scharren?

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