Das Streben nach Liebe

Es ist Montag. Mein Sohn klebt an mir, macht die Augen zu und tut so, als wäre er nicht da. So könnte ich ihn ja nur schwer bei der Tagesmutter lassen. Er ist ja gar nicht hier und vielleicht merkt es Mama nicht, wenn sie mit fast 12kg immer noch um den Hals hängend nach Hause kommt und sich ins Bett legt, weil sie krank ist. Er täuscht sich. Ich merke es wohl und pflücke ihn so langsam von mir ab. Mit schwer enttäuschtem Gesicht nimmt er es hin. Ein kleiner Weltschmerz, der schnell vorüber ist. Als ich vor der Tür stehe, höre ich ihn schon wieder lachen. Aus den Augen, aus dem Sinn. Ja, mein Schatz. Jetzt nimmt man dir dein Kindsein noch ab. Werd mal 20 Jahre älter, dann wird dich jede Frau für genau dieses Verhalten ein mieses Schwein schimpfen.


Bei der Lektüre einiger Internetforen oder wenn ich abends völlig lethargisch vor dem Fernseher hänge und mir eine um die andere Blockbusterliebesschnulze reinziehe, überfällt es mich dann doch (und dabei hat es schon die ganze Zeit mit dem gesamten Zaun auf mich eingeprügelt): Welcher Schwachkopf hat eigentlich das Gerücht in die Welt gesetzt, dass ein zivilisierter Mann, der gleichzeitig bitte auch attraktiv, gebildet und wohlhabend sein sollte, ab sofort mit einer weichen Schale und einem weichen Kern ausgestattet sein soll? Welcher Vollidiot hat dieses Märchen in die Welt gesetzt, dass er auf Kuschelsex stehen und über seine Gefühle reden sollte, weil sie dann dahin schmilzt und sich verstanden fühlt? Welcher Hirni hat den Schwachsinn in Umlauf gebracht, dass Frauen das Kind im Manne lieben? Und wer, zum Henker!, hat davon gefaselt, dass unsere Männer dann ein Hauptgewinn sind, wenn sie außerdem zu all ihren anderen Qualitäten auch noch den job der besten Freundin übernehmen können? Will hier etwa jemand einen Romantiker?!


Ich stelle mir ein Leben mit solch einem Mann folgendermaßen vor: Der Tag beginnt damit, dass ich aufwache. Logisch. Und da wir uns nicht in einer Hollywoodschmonzette befinden, sondern in meinem Bett, bin ich noch nicht geschminkt und habe auch keine geputzten Zähne. Aber der Sechser im Lotto neben mir möchte gerne kuscheln. Nein! Ich schiebe ihn sanft zur Seite. Im Gegensatz zu mir ist er nämlich geschminkt und mit der Zahnbürste im Mund aufgewacht und riecht nach einem Meer aus Blumen und Aprilfrisch, während sich auf meiner Zunge noch wohlig ein Pelz räkelt. Nein, Quatsch.

Ich stehe also auf. Ich weiß nicht, wie es passiert ist und wie er vor mir in der Küche sein konnte, aber ich stehe im Flur und erhasche einen Blick auf den Tisch, der fast unter der Last an Rosen, Champagner, Croissants, Butter und Erdbeeren zusammen bricht. Ich schaue an mir herunter, zähle all meine Speckrollen und entscheide mich für Kaffee schwarz mit Zigarette ohne Butter. Auf dem Balkon. Ein paar Stunden darauf sagt der Blick in den Kühlschrank, dass der Einkauf noch ansteht. Also sacke ich den Mann mit ein (irgendwer muss doch meinen Bierkasten schleppen) und auf geht es. Was den Einkaufsbummel immer besonders anstrengend macht: Das Goldstück liebt es, sich hinter Regalen zu verstecken, wenn ich es mal kurz aus den Augen gelassen habe und mich dann laut kreischend zu erschrecken. Wenn ich dann erbost sage: „Man, lass den Scheiß!“, sagt er: „Ich dachte, du magst meine kindliche Seite…“ Ja klar, mag ich die! Wenn du nachts im Schlaf am Daumen lutschst oder wenn ich dich mit einem Eis vor dem Fernseher parken kann, damit ich etwas Zeit für mich habe! Aber so einen Käse mag niemand! Wirklich! NIEMAND!!


Der Einkauf ist also geschafft. Ich darf fahren (Emanzipation, yeeha!) und wir laden gemeinsam die Einkäufe aus. Während dessen schwallt er mir die Ohren voll, dass X wieder eine Neue hat, Y voll der Versager ist, seine Mutter immer noch ganz sauer ist, dass es jetzt eine andere Frau in seinem Leben auf Platz 1 gibt und Madame Z mit der neuen Frisur aber ganz, ganz elend ausschaut. Außerdem hat sie zugenommen und ach, übrigens, Frau B. sollte mal ganz froh sein, dass sie diesen fürchterlichen Macho an ihrer Seite los ist. Der war ja grauenvoll. Ich horche auf. Da läuft wieder ein Macho frei rum? Ehrlich?


Bis zum Abend habe ich mir dann ca. 300 Mal anhören müssen, dass er auch mal gerne wieder verführt werden oder zumindest gerne kuscheln möchte, dass der neue Lyriksammelband „Ein bunter Rosenstrauch an Poesie“ ganz oben auf seiner Wunschliste für Weihnachten steht und dass er mal wieder meine Mutter anrufen muss, weil ihm ihr Hackbraten so irre fehlt.


Es schüttelt mich. Alle Errungenschaften der Metrosexualität und Emanzipation gemeinsam würde ich gerne verkaufen für ein Stück unsensiblen Neandertaler. Ich möchte alle sogenannten Frauenversteher zum Teufel jagen oder ihnen zumindest sagen: „Du verstehst gerade die falsche Frau! Pack deinen ganzen Romantikmüll von vorvorgestern ein, nimm deine Rosen und deinen rasierten Waschbrettbauch, ich will einen Mann, der auch mal nach Schweiß stinkt, faul in einer Ecke hockt und vor Begeisterung grunzt, wenn ich ihm ein blutiges Steak in seinen Fressnapf klatsche!“ SO ein erhebendes Gespräch über Literatur ist zwar manchmal ganz nett, aber ich will auch an den Haaren in eine Höhle geschliffen werden (und zwar alle 100kg von mir!).
Zumindest ein Stück Verweicheierung ist uns bisher noch erspart geblieben und ich fürchte, wenn ich es schreibe, wird es mir spätestens morgen ein Mann in die Ohren jammern. Ich habe noch nie einen Mann rumheulen hören: „Meine Frau versteht mich einfach nicht.“ Vielleicht ist ja genau dies das große Geheimnis: Wir müssen uns gar nicht gegenseitig immerzu verstehen. Steckt nicht auch in dem leisen Fensteröffnen, wenn er nachts unter der Bettdecke einen fahren lässt, ganz viel Liebe?


Prinzessin, bleib so, wie du bist. Zerknüll den blauen Zettel. Merk dir nur eins: Wenn ich dich wieder anknurre, dann nimm mich mal kurz in den Arm. Alles andere kannst du wieder vergessen. Ich liebe dich.

22.9.08 15:32

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