26.7.2004

Im Kreis - Fragment

Einmal ? ich glaube, es war heute ? ich wei? noch immer nicht so recht, wie mir geschah, erwachte ich in einem Zimmer, das nicht mir geh?rt. Eine s?? verbl?hte Bl?mchentapete fiel fast auf mich herunter und ein sehr h?sslicher Bilderrahmen 45? rechts von meinem einen Auge zerst?rte vollkommen den Blick auf einen ? ich wei? nicht ? Kunstdruck? Meine Mutter hatte schon immer gesagt, dass das irgendwann passieren wird. Man muss aufwachen. Man muss! Aber muss man es unbedingt in einem Zimmer, das einem nicht geh?rt?

Ich wei? es ganz genau: Ich bin noch gestern in meinem eigenen Zimmer ins Bett gegangen. In mein eigenes Bett. Ich bin mir sehr sicher, dass ich gestern mit niemandem mitging und mich auch keiner mitgenommen hat. Mich hat ?berhaupt noch nie jemand mitgenommen. Alle sagen immer nur: ?Doris?, sagen sie, ?Doris, du musst noch sehr gro? werden und unglaublich viel lernen.? Und dann sagen sie immer noch: ?Doris,?, so sagen sie, ?Doris, das wird so alles nichts.? Und es wurde tats?chlich bisher nichts. Ich kann nicht einmal mehr in meinem eigenen Zimmer aufwachen.

Es kommt ja auch gar niemand und sagt mir, wessen Zimmer das hier eigentlich ist. Wenn ich daran denke, dass der, dem das Zimmer hier geh?rt, pl?tzlich kommt und mich fragt, was ich in seinem Zimmer, aber in einem fremden Bett mache ? das Bett geh?rt n?mlich mir. Nur das Zimmer nicht und auch nicht die Bl?mchentapete. Der Kunstdruck erst recht nicht! Ja, da bekomme ich sehr weiche Knie. Aber ich liege ja noch im Bett.
Ich stammle. Ich stottere sehr. Ich erz?hle dem irgend einen Unsinn, dass neulich die Japanische Zierkirsche gef?llt wurde, die im Fr?hjahr ihre wei?en Bl?tenbl?tter auf den Weg hat fallen lassen und die nicht weggekehrt wurden. Da hat man einfach den Baum gef?llt. ?Es fehlen die Besen und Harken?, hat man mir gesagt, als eines Tages ungehindert die Sonne direkt in mein Zimmer fiel. Ja, da fehlte der Baum. ?Aber?, so wird derjenige sagen, in dessen Zimmer ich jetzt liege und das nicht mir geh?rt, ?Aber das tut doch gar nichts zur Sache! Ich habe ja nichts dagegen, dass Sie in meinem Zimmer liegen. Aber warum tun Sie das ausgerechnet in Ihrem Bett? In meinem Zimmer? Ich meine, ich habe doch selbst ein Bett und jetzt starren Sie nicht so unversch?mt meine Tapete an! Ich wei?, sie ist etwas von vorgestern, aber wir sind ja alle nicht mehr so frisch, nicht wahr??
Und dann verschlucke ich mich vor Aufregung. Ich werde immer sehr aufgeregt, wenn einer in langen S?tzen zu mir spricht und dabei nur von mir! Kein einziges Wort verliert der da, dem das Zimmer hier geh?rt, ?ber sich. ?Man muss nicht immer f?r alles einen Namen haben.? Wer sagt das eigentlich? Ich finde, man muss das schon. Schon alleine, um die Zimmer voneinander zu unterscheiden, muss man das k?nnen. Und der andere sagt kein Wort ?ber sich. Er zwingt mich noch nicht einmal, das Bett zu verlassen, sondern redet nur unentwegt ?ber mich. Und ich liege stocksteif in meinem Bett, denke an die japanische Zierkirsche und finde, dass man die gar nicht braucht, wenn man so viele Blumen auf der Tapete hat. Aber die macht auch keiner weg. -

Der, dem das Zimmer geh?rt, kommt nicht.

Ich sehe die T?r und keiner redet ?ber mich. Ich muss ?berlegen, was ich gestern zuletzt getan habe. Man sagt ja, dass man ?berlegen soll, was man zuletzt getan hat, wenn man versucht, etwas wiederzufinden, das man irgendwo verloren hat.
Als ich gestern zum letzten Mal mein Zimmer verlie?, fuhr ich Fahrrad. Es war vor dem gro?en Kino und es regnete. Als Kind bin ich immer sehr gerne auf dem Fahrrad gefahren vor unserem Haus auf dem Weg. Im Kreis. Ich durfte nicht wegfahren. Meine Mutter musste mich immer sehen k?nnen. Deswegen fuhr ich im Kreis. Ich wollte ja fahren, aber ich durfte nicht weg, au?er Sichtweite kommen. Also blieb nur der Kreis. Ich hatte viel ge?bt, ganz kleine Kreise fahren zu k?nnen und dabei nicht umzufallen. Wenn der Kreis zu klein wird, kippt man irgendwann nach au?en.
Gestern fuhr ich auch wieder im Kreis. Vor dem gro?en Kino. Ich fahre gro?e Kreise und Leute laufen mir immerzu dazwischen, sodass ich nie einen Kreis zu Ende fahren kann. Dann beginnt es zu regnen und ich muss schneller fahren. Zuerst wird mein Gesicht ganz zugeregnet und dann klebt die Hose an den Beinen fest. Ich muss nach hause und die Hose wechseln und es laufen auch immer mehr Leute durch den Regen. Sie hetzen, wollen ins Trockene und laufen unaufh?rlich durch den Regen.
Ich stelle mich an die Bushaltestelle und weil es so regnet, haben sich alle Menschen, die auf den Bus warten, in das Warteh?uschen gequetscht. Ich passe nicht mehr mit darunter und stelle mich vor das H?uschen.

Die von drinnen schauen sehr feindselig.

Da bei denen allen steht auch ein Mann mit einem riesigen Doppelkinn, welches das eigentliche Kinn wie eine k?mmerliche Karikatur aussehen l?sst. Er hat noch einen Schirm aufgespannt und steht trotzdem mit in dem H?uschen. Die eine Speiche des Schirms tippt bei jedem Windsto? auf die Kapuze der Jacke des Manns neben ihm.

Beide schauen feindselig.

Ich stelle mich noch gr??er vor sie. Wenn ich sie sch?tze, schauen sie vielleicht weniger feindselig. So packe ich das Fahrrad an Lenker und Sattel und stelle mich mit sicherem Schritt in den Regen. Ja, da kann kommen, was will! Ich stelle mich vor alle und warte mit ihnen auf den Bus. Und mit einem Mal h?lt in der Haltebucht ein Auto mit quietschenden Reifen. Dahinter kommt schon der Bus. Und wie das Auto quietschend anh?lt und ein Mann heraus springt, packt mich das wilde Entsetzen. Er springt aus dem Auto, h?lt sich eine schwarze Aktentasche ?ber den Kopf und mit der anderen Hand hechtet er aus dem Auto und das linke Bein flieht voran. Ich kann nur noch auf mein Fahrrad springen und die, die hinter mir stehen, alleine lassen. Das ist die pure Feigheit. Was konnte ich auch ahnen, dass ich denen da hinter mir so ?berhaupt nicht gewachsen bin?! Aber sie haben sich auf mich verlassen und blieben hinter mir stehen. Sie schauten zwar feindselig, aber stehen geblieben sind sie trotzdem. Und ich ergreife feige die Flucht. Ich lasse sie alle stehen. Die T?r vom Auto fliegt zu und ich fahre los, als gelte es mein Seelenheil! Der linke Oberschenkelmuskel schmerzt, ich trete kr?ftig zu, die hinter mir schauen immer feindseliger, ich muss los und vor allem weg von hier und was soll ?berhaupt werden, wenn da schon einer mit einer Aktentasche ?ber den Kopf gehalten aus dem Auto f?llt, dahinter kommt der Bus und es regnet in Str?men! Aus dem Auto, aus dem der Mann gefallen kam, dr?hnt Musik - "I\'m mad about you, I\'m mad about you!" - und dann kommt mir eine Frau vor mein Fahrrad gelaufen, bleibt pl?tzlich wie angewurzelt stehen, aber ihr Blick l?uft weiter an mir vorbei, sie hat die Augen weit aufgerissen und die kurzen auberginefarbenen Haare stehen wirr nach allen Seiten ab, eine irre Ratlosigkeit greift um ihre Wangenknochen und bleiche Falten spannen sich von den Nasenfl?geln abw?rst zum Kinn, sie hat die rechte Hand erhoben und will irgendwas rufen, als sie vor mir stehen bleibt und ihr Blick an mir vorbei l?uft geradewegs in die Menschenmenge in dem Warteh?uschen hinein und sie alle warten auf den Bus und die Frau steht da mitten im Lauf wie eingefroren, die rechte Hand erhoben, als h?tte da einer das Bild angehalten, ausgeschnitten und in einen sehr h?sslichen Rahmen gepackt, in den man nur Kunstdrucke tut. Kunstdrucke. In den man sonst nur Kunstdrucke tut!

Man muss irgendwann aufwachen. Man muss!

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26.7.04 20:55

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