Zur Stressbewältigung

Heute hatte ich einen Termin bei der Agentur für Arbeit formally known as Arbeitsamt. Diese Agentur hat vor einiger Zeit hier in Dresden ein neues Gebäude spendiert bekommen, das auf hinreißende Art und Weise liebevoll mit hunderten Zetteln ausdekoriert wurde. Die sind auch dringend notwendig, da das Gebäude an sich labyrinthisch angelegt ist. Auf den Zetteln stehen dann so Hinweise wie „Wartezone für Trallahoppsassa”, wobei der Bereich von Trallahoppsassa leider erst 5 Ecken später losgeht und der Bittsteller buchstäblich wie bestellt und niemals abgeholt dasitzt.
Ich war heute 13 Uhr bestellt. Ich verließ dann 14 Uhr die Wartezone (leicht rötliche Wangenfärbung). Bis dahin hatte ich eine komplette Strategie entwickelt, wie die Agentur für Arbeit formally known as Arbeitsamt moderner, schlanker, konsumorientiert und kundenanziehender werden kann. Es geht los mit Merchandising-Artikeln wie t-shirts, Schlüsselbändern, Schlüsselanhängern, (Achtung, erster Brüller) Portemonnaies, (Achtung, zweiter Brüller) Uhren und (nicht so der Brüller) Schlafsäcken. Da ich letztens lernte, deutsche Werbung müsse dringender noch lustiger werden, bastelte ich die Rohversion des ersten Werbeslogans, der sich auch noch reimt. Achtung, hier kommt er:

Das sind alles riesengroße
Ar.......beitslose, Arbeitslose.


Ich arbeite weiter daran.

Es war also 14 Uhr, als ich dann selbständig das Zimmer meines Sachbearbeiters aufsuchte. Ich klopfte, er machte auf, ich sagte meinen Namen, darauf er: „Sie kommen aber spät.”
Ich: „Äh, man hat mir an der Information gesagt, ich solle mich in den Wartebereich setzen, Sie würden mich dann holen!”
Er: „Achso, nein, in welchem Wartebereich saßen sie denn?”
Ich: „Wieviele gibt es denn? Ich saß in dem, der mit 'Wartezone für das Team akademische Berufe' bezeichnet ist.”
Er: „Ach, das ist der am ganz anderen Ende. Nein, sie müssen hier vorne warten.”
Ich: „Und wie heißt der Wartebereich?”
Er: „Der hat keinen Namen.”
Ich: „Ja, aber die an der Information hatten mir gesagt, ich solle mich in den Wartebereich setzen, der 'Wartezone für das Team akademische Berufe' heißt.”
Er: „Dann war das falsch.”

Tolle Einsicht, ich durfte rein. Da das ein Beratungsgespräch sein sollte, erklärte mir der Herr erstmal, was der Unterschied zwischen arbeitssuchend und arbeitslos ist, dann erfuhr ich, dass ich kein Arbeitslosengeld I bekomme, sondern maximal Arbeitslosengeld II, dieses aber erst beantragen könne, wenn der Antrag auf Arbeitslosengeld I abgelehnt wurde, den Antrag auf Arbeitslosengeld II kann ich aber auch nicht einfach so abgeben, dafür bräuchte ich einen Termin und ~Lufthol~ das kann dauern. Ah ja. Noch was? Ach ja, bei der Zeugnisvorlage kam die Aussage: „Na, Deutsch ist ja nicht so ihr Spezialgebiet, wenn ich mir mal die Note anschaue.” Bei dem Satz war ich dann schon dezent lila im Gesicht.

Ich: „Wissen Sie, ich bin mit der Note auch nicht allzu glücklich. Ich hab meine letzten Prüfungen nicht mehr allzu gesund absolviert. Ist jetzt aber auch Wurscht, da ich einen Abschluss habe.”
Er: „Wie sieht es denn mit dem Referendariat aus?”
Ich: „Ich hab mich beworben und wurde abgelehnt. Deutsch ist von der Zulassung nahezu gesperrt.”
Er: „Und was machen Sie da jetzt?”
Ich: „Äh.....Arbeit suchen? Hallo? Bin ich hier richtig?”
Er: „Naja, füllen Sie erstmal den Antrag auf Arbeitslosengeld I aus. Den geben Sie dann hier ab. Der wird auch innerhalb von ein paar Tagen abgelehnt. Dann bekommen Sie den Antrag auf Arbeitsl…”
Ich: „Ja, das haben Sie mir schonmal erzählt. Aber ich bin nicht in erster Linie hier, um Arbeitslosengeld Nummerwasweißich zu beantragen, sondern weil ich Arbeit suche! Sie haben meine Unterlagen, ich habe alles ausgefüllt, ich habe mein Zeugnis vorgelegt mit meinem Abschluss und jetzt suche ich Arbeit und kein Arbeitslosengeld.”
Er: „Ja, aber wir haben auch nichts. Sie können nur das Arb..”

Ich hab den Rest nicht mehr gehört. Der Mann begleitete mich noch zu Team 311, die mir dann wenigstens die Formulare für die Arbeitslosengelder aushändigten.
Da hab ich mich nun die letzten Tage durch Broschürenstapel gekämpft, Formulare ausgefüllt, auf denen ich gefragt wurde, welche beruflichen Alternativen ich mir vorstellen könnte, habe alle meine Interessen aufgeschrieben nebst Fragen, die ich an den Berater hatte und was erzählt der mir gebetsmühlenartig? Wie ich die frühere Sozialhilfe beantrage! Ja, bin ich mit meinem Abschluss eine vernünftige Beratung nicht mehr wert? Nichts von wegen „Wir haben da hier so Veranstaltungen mit Bewerbungstraining” oder Vergleichbares. Nein! Die einzige wertvolle, verwertbare Information aus dann mittlerweile 2 1/2h war: „Im BIZ liegt eine Broschüre mit aufgelisteten Berufs- und Privatschulen. Da gibt es auch Schulen für Gestaltung. Schicken Sie dort mal eine Bewerbung hin.”

Warum haben eigentlich, wenn schon Arbeitnehmer eine Meldepflicht haben, Arbeitgeber keine Meldepflicht über freie Stellen? Wär das nicht praktisch, wenn solche Informationen dem Arbeitsamt vorliegen würden, damit die Arbeitslosen, die im Idealfall auch Arbeitssuchende sind, vielleicht schneller wieder an einen Job kommen? Wenn sich das mal durchsetzen ließe, hätte diese Scheißagentur auch eine sinnvolle Daseinsberechtigung! Sonst könnte ich dem 1. Satz, den ich heute von einem total entnervten Mann im Fahrstuhl hörte (nämlich: „Die Leute, die hier arbeiten, sollten mal nicht so eine Fresse ziehen und mich anscheißen, weil ich in der verkehrten Abteilung gelandet bin. Die können froh sein, dass es Arbeitslose gibt.”) nur zustimmen.

Die Verschwörungstheorie, dass die Agentur für Arbeit formally known as Arbeitsamt ein echtes Interesse an Arbeitslosen hat und lieber Arbeitslosengeld II vermittelt statt Arbeit, bastel ich mir dann bei meinem nächsten Termin in der bekloppten Hütte zurecht. Ich gehe davon aus, dass ich wieder ein paar Stunden dort verbringen werde.

Ach ja, bevor ich es vergesse: Den letzten Satz, den ich heute in diesem Etablissement hörte, war: „Und melden Sie sich aber sofort, wenn Sie Arbeit haben!” Jawoll! Werde ich tun! Und dann erzähl ich euch Flachpfeifen gerne mal, wie man Arbeit findet! Schritt 1: Lass die Beratung beim Arbeitsamt sein und nutz die 2 1/2h dazu, die Jobbörsen im Internet weiter zu durchkämmen und Bewerbungen zu verschicken!

Mahlzeit.

1.9.05 19:43

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