Tag am Meer

Heute sah ich, wie sich der Himmel in Trauergrau ins Meer stuerzte.

Ich stand dabei mit den Fuessen eingegraben im Sand, Wasser bis zu den Waden und Salzwind im Gesicht. Hinter mir liefen aufgeregt Moewen ueber den Strand. Wenn eine Welle kam, zogen sie die Beine an und schwammen an mir vorbei oder liefen vor dem Wasser weg.

Ich versuche fuer einen Augenblick, mir Autolaerm, Grillbudengestank und Stimmengewirr vorzustellen. Es gelang mir nicht. Das Rauschen des Meeres habe ich jetzt, wieder in der Grossstadt sitzend, noch genau im Ohr. Auch den Selbstmordhimmel seh ich genau vor mir: Wolke um Wolke, deren ausgefranste Raender ins Meer zu tunken scheinen, dort, wo ein Schiff schon seit Stunden wie festgenagelt am Horizont klebt.

Etliche Kilometer bin ich heute gelaufen: Vor mir ein kleines Maedchen, das erst auf das Wasser zu und mit jeder neuen Welle kreischend wieder in Richtung Strand lief. Wie die Moewen vorhin. Ich habe Urlaub. Ich kann heute darueber laecheln und mit ihr gemeinsam vor der naechsten Welle fluechten. Sie lacht. Es dauert ca. 2 km, bis ich ein gedankenverloren freundliches Gesicht mache und nicht mehr duester mit zusammengezogenen Augenbrauen Meter fuer Meter zuruecklege. Der nasse Sand kratzt an den Fusssohlen und zwischen den Zehen, und mit den Fersen sinke ich bei jedem Schritt ein. In den Haenden halte ich gesammelte, nasse Steine und mit den Augen suche ich immer wieder nach neuen Fundstuecken. Dann komme ich heim mit vollgestopften Taschen, in denen es klappert und raschelt. Meine Schaetze von diesem Tag: Diesen Stein fand ich dort, wo die Moewen auf den Fischerbooten thronten. Dieser Stock schwamm mir entgegen, als eine Welle mir das linke Hosenbein durchnaesste und ich mich umdrehte, damit die naechste Welle auch noch das rechte Hosenbein erwischt. Diese Muschel habe ich zum Tausch mitgenommen, als ich eine noch lebende Muschel fand, die ich aber wieder zurueck ins Meer geworfen habe. Ich bin mir sicher, sie wurde ein paar Minuten spaeter wieder an den Strand gespuelt.

Ich habe mir heute ein Stueck Gelassenheit erlaufen und Zeit zurueck gewonnen. Ich habe die Langsamkeit fuer mich entdeckt und bin endlich den Krampf aus dem Nacken losgeworden.

Heute denke ich noch nicht daran, wieviele Tage mal von diesem einen zehren muessen.

6.8.05 09:29

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