04.03.2005



Nebenzeit



Ich habe die letzte Nacht kaum geschlafen. Irgendwann, in akuter Rastlosigkeit, zwang ich mich auf die Couch, da war es schon 3 Uhr. Zwischen 3 Uhr und 6.30 Uhr fehlt ein Stück Erinnerung. 6.30 Uhr störten mich die Geräusche des Fernsehers, außerdem war ich in normaler Kleidung eingeschlafen und fühlte mich aus durchbrochener Gewohnheit unwohl. Hatte ich es also mal wieder nicht geschafft, ins Bett zu gehen.

Ich stand auf, machte den Fernseher aus, und: Mir wurde mit einem Mal klar, warum Kinder, wenn sie ein Winterbild malen, den Schnee mit blauen Linien umranden. Es sieht ganz genauso draußen aus.





Es ist schon hell, aber die Sonne geht erst noch auf. Ich liebe diese Minuten am Morgen: Die Nacht ist zwar schon vorbei, aber vor Sonnenaufgang ist es noch nicht Tag. Wie nennt man diesen Zeitraum? Tacht vielleicht? Oder Nag? Mit Dämmerung gebe ich mich nicht zufrieden. Abends dämmert es auch, aber die morgendliche Dämmerung ist eine andere als die abendliche. Gut, man könnte es zur näheren Spezifizierung Morgen- und Abenddämmerung nennen. Aber für die Zeit zwischen Nachtigall und Lerche, die Sekunden, in der literarische Schicksale beschlossen, besiegelt und vernichtet wurden, für die Minuten, in denen sich in mittelalterlichen Turmzimmern die heimlichen Geliebten Lebewohl sagen, möchte ich nicht nur den terminus technicus „Morgendämmerung” haben. - Während dieser Überlegung am Fenster stehend erwache ich leider komplett. Die Haut am ganzen Körper fühlt sich wie eine nasse Schicht aus Frischhaltefolie an. Ich weiß schon, was mir den ganzen Tag bevor steht: Ich habe wieder einen Tag ohne Gestern. Ich habe den letzten Tag nicht richtig beendet, ergo geht es mit dem weiter, was eigentlich Gestern werden sollte. Also ist es jetzt nicht 6.39 Uhr, sondern 30.39 Uhr. Na, das kann ja ein Spaß werden. Kann ich wieder den ganzen Tag meine Tageszeit ausrechnen und wenn heute Gestern weiter geht, dann ist morgen übermorgen. Das passiert, wenn man nicht ins Bett geht: Man verliert Heute und Morgen. Großartig. Besser, ich spüle mir erst einmal die klebrige Frischhaltefolie vom Körper.

Unter der Dusche bemerke ich es dann zum ersten Mal: Die Badezimmerheizung hat leise vor sich hingeknistert - manchmal ist auch ein mittellautes Knacken dabei - als es sich plötzlich so anfühlt, als würde mir jemand eine Kerzenflamme ans Gesicht halten und ich zucke zurück, weil ich mir nicht die Haare verbrennen will. Dann merke ich es auch an der Schulter - es ist eine angenehme Wärme, die aber bei mir mit Vorsicht verknüpft ist. Außerdem steht niemand in meinem Badezimmer und schwenkt mit Kerzen. Es ist der Heizstrahler, der mir heute viel wärmer als sonst vorkommt. Gut, ich wundere mich etwas, denke aber nicht weiter darüber nach. Mittlerweile ist es schon 7 Uhr. Nein, 31 Uhr. Um diese Zeit wollte ich ohnehin aufstehen. Wär ich mal nur - nicht ärgern.



Ich gehe in die Küche, fülle die kleine Espressokanne erst mit Wasser und dann mit Espressopulver, stelle alles gut verschraubt auf den Herd und höre es leise brummen. Steht eine der beiden Katzen hinter mir, um mir auf kätzisch zu sagen, dass es jetzt nicht nur Frühstückzeit für mich ist. Ich drehe mich um: Keine Katze. Aber es brummt. Kühlschrank? Nein, der scheppert mehr. Ich schaue aus der Küchentür um die Ecke und sehe Sushi gemeinsam mit Puck auf dem gelben Hocker liegen. Beide haben die Augen geöffnet, schauen mich an und schnurren. Hier ziehen sich das erste Mal meine Augenbrauen als Ausdruck der leichten Verstörung zusammen. Hocker samt Katzen ist ca. 2 Meter von der Küche weg. Ich gehe probehalber hin und lege ein Ohr an die Tierbäuche: Ja, es brummt. In beiden Bäuchen. Aber das hört man bis zur Küche? Muss ich mich wundern? Hab ich was in den Ohren? Wasser vom duschen? Das kann verstärkend wirken - ich kenn das von früher aus dem Schwimmbad. Wenn da ein Tropfen nicht das Ohr richtig verstopfte, sondern mehr im Gehörgang lag, hörte ich alles viel lauter und greller. - Ok, das wird weg gehen. Frühstück, Frühstück, was essen, dann geht vielleicht ein Geist von gestern schlafen und ich fühle mich nicht mehr ganz so verkehrt.

Ich gehe zurück in die Küche, öffne den Kühlschrank: Bananen. Es riecht überall nach reifen, fast schon matschigen Bananen! Der ganze Kühlschrank! Sind mir die Biester wieder vergammelt? Ich schaue ins Gemüsefach - nein. Bananen sind schön gelb, frisch. Aber sie duften! So riechen Bananen sonst nur, wenn sie morgen vergammeln wollen. Das ist sozusagen die letzte Erinnerung für den Esser: Hey, ich kann es dir ja nicht sagen, aber morgen bin ich dann verschimmelt! Du kannst mich heute zumindest noch püriert in Joghurt mixen. Morgen ist es auch dafür zu spät. Meine Bananen sind aber noch ganz frisch. Gut. Aber irgendwas stimmt hier nicht. Wie ist das denn mit den sieben Sinnen? Gebe ich die ab, wenn ich abends ins Bett gehe und bekomme sie morgens dann wieder? Wie ist das, wenn man es verpasst hat, richtig ins Bett zu gehen und es dann 31.30 Uhr ist: Habe ich die doppelte Portion an sieben Sinnen bekommen und muss jetzt, 31.31 Uhr also vierzehn Sinne unter Kontrolle bekommen? Das ist zu viel!



Ich mache den Test: In der Dose mit dem Espressokaffee hatte ich vorher so eine widerliche, türkische Mischung, die wie Straßendreck mit Zitrone schmeckte - wobei Kaffee sowieso nie nach Zitrone schmecken sollte, nach Dreck aber bitte auch nicht unbedingt - ich koste den Espresso. Herrlich. Ja, das ist Espresso - mit dem Nachgeschmack von Zitrone und Straßendreck! Das ist doch bitte nicht wahr! Hinter mir scheppert kurz der Katzenfutternapf und ich fahre erschrocken rum. Ok, damit ist klar: Nicht nur Nase, Geschmacksnerven und Haut sind betroffen, sondern auch die Ohren. Auf die empfindlichen Augen bereite ich mich gerade vor. Wär ja zu schön, wenn ich die Brille zum lesen heute mal nicht bräuchte. Ich mache die Schreibtischlampe an und schaue auf das Buch, das ich vor 10 Stunden zuletzt anschaute: Ach, wär ja zu schön gewesen. Verschwommen wie immer. Aber es ist ganz schön hell, meine Güte!



Ich frühstücke und versuche, mich an den doppelt gefühlten Tag zu gewöhnen. Ich kann nicht sagen, dass es sich hierbei um eine Reizüberflutung handeln würde. Nein. Ich nehme nur die Dinge, die sonst zwar registriert, aber nicht weiter beachtet werden, heute in kompletter Stärke wahr. Lässt sich daraus was machen?



Es ist jetzt 36 Uhr. Ich sitze in der Bibliothek und habe hunderte Parfüms, Duschbäder, Waschmittel und Alkoholfahnen gerochen. Rechts von mir sitzt ein Topf Nivea und links eine verführerische Sommerfrische mit dem Zusatz von stechender Jasminsüße und Maiglöckchen. Mir ist etwas übel. Ich mache mir meine CD an: Bach, Solopartiten für Violine BWV 1001-1006. Doch ich höre schweres Atmen, Schniefen, einen sich in widrige Höhen leidenden Geiger. Ich fühle seine Haare rascheln, als er zu den in Zweiunddreißigsteln gejagten Arpeggien ansetzt, die Augen zusammenkneift, und sich schwer atmend an der Musik abarbeitet. Ich bin für einen Moment fasziniert. Die Fingerkuppen rutschen über die mit feinem Draht umspannten Seiten und lassen ein riffliges Zirpen hören. Der Raum, in dem der Geiger spielt, hat einen leichten Hall. Ich höre zudem noch den Lüfter meines Laptops rauschen und brummen. Ich nehme die Kopfhörer ab und frage die links neben mir sitzende Jasmin, ob sie sich von meiner Musik gestört fühlt. Sie schaut verständnislos. Ja, guck du nur. Ich weiß, dass du gestern ins Bett gegangen bist. Und deine Uhr geht falsch. Es ist jetzt 37.14 Uhr.



Es hat mich keiner erlöst. Mir schwirrt der Schädel. Mein Hirn hatte keinerlei Erbarmen mit mir und gab mir den ganzen Tag sämtliche Informationen ungefiltert ins Bewusstsein durch. Meine Welt heute war voll von Flüstergebrüll, umgeschlagenen Buchseiten, schabenden Stiften auf Papier, Tastaturgehacke, -8°C gefühlter Temperatur, die klebende Frischhaltefoliehaut kam gegen 39.57 Uhr wieder und ich finde es eine Unverschämtheit, dass man die Händetrockner aus dem ersten Stock auch im Keller hört. So fühlt sich also einer, der zwischen den unterschiedlichen Reizen nicht unterscheiden kann. So was gibt es ja: Da sortiert das Hirn nicht, was wichtig ist. Es rangiert alles auf derselben Reizebene: Der gelbe, am Fenster vorbei tanzende Schmetterling, das brummende Flugzeug am Himmel, das hupende Auto, das mich gleich umfährt, die auf der anderen Straßenseite schimpfende Frau mit dem kläffenden Köter, der so eine hässliche Fellfarbe hat, aber perfekt zu der links um die Ecke sitzenden Katze passt, etc. Da wird man hyperaktiv: Man möchte zu jedem Reiz hin- und gleichzeitig weglaufen. Eine echte Zerreißprobe!

So war es ein atomlichtheller Tag und ich konnte ihm nicht eine Sekunde aus dem Weg gehen.

1 Kommentar 4.3.05 22:07, kommentieren

Werbung


02.02.2005



Ein Satz



Kurz vor dem Einschlafen, wenn der Körper seine Heizung endgültig abstellt und man einen Moment fröstelnd den Halbschlaf verlässt, für Sekunden die Augen noch einmal öffnet und das grelle Rot der Weckerzahlen die Netzhaut trifft, die Katze sich neben einem genüsslich streckt und Ruhe ausatmet, den Kopf zwischen die Pfoten bettet, während man selbst die Decke noch ein Stückchen fester um den Körper zieht, eine Hand unter das Kopfkissen schiebt und den sich ins Bewusstsein schiebenden Gedanken niederringt, dann hat man für einen Bruchteil des Tages Frieden mit sich geschlossen.

2 Kommentare 2.2.05 14:31, kommentieren

03.01.2005



Mir fehlen die Worte



Über Silvester gingen mir einige Sachen durch den Kopf. Oder besser gesagt fiel mir auf, wieviele Dinge für mich keinen Namen haben. Das heißt, eigentlich haben die Dinge schon einen Namen, aber sie haben es verpasst, sich mir angemessen vorzustellen: "Guten Tag, ich bin Trallala, heiße so und so und bin für dieses und jenes da." Statt dessen muss ich es mit "Dingsda", "Dingsbums" oder "Das Teil, mit dem man das da macht" anreden und ich komme mir so ein- und beschränkt vor. Nehmen wir mal das Ding, das man am Reißverschluss entweder hoch und runter oder hin und her zieht. Bis vor ein paar Tagen wusste ich noch nicht, dass es "Schlitten" heißt. Oder nehmen wir die Plastikteile, die sich an einer Weinflasche oben um den Hals schließen. Man öffnet die mit so einem Bippus...also, da ist so ein Streifen, mit dem man die Plastikfolie aufbekommt. Man findet diese Streifen auch in Rot an anderen Verpackungen, um sie besser aufzureißen. Und haben die vielleicht auch einen richtigen Namen? Wie klingt denn das: Bippus, Plastikteil, Dings!



Es gibt für die blödesten Dinge einen Namen, die einem geläufig sind: Topflappen, Scheuerleiste, Kreisverkehr, Tortenheber, Strichcode, Einwegflasche, Bleistiftspitzer, Heckenschere, Nudelsieb, Schnittstelle, Schienenersatzverkehr, Notlösung, Möbelpolitur, Kissenschonbezug, Spielzeugauto, Schmuckschatulle, Kaffeetasse, Fusselrolle. Aber bei den wichtigen Sachen hört es auf: Das Ding, wo man Tesafilm reintun kann und dann zieht man das Klebeband da so rüber und kann es abreißen. Oder: Wie heißen diese Haken, die sich seit ein paar Jahren statt eines ordinären Knopfes als Verschlüsse an Hosen befinden?



Wer hat auch noch so für ihn namenlose Dinge um sich herum, von denen er sich sicher ist, dass sie einen Namen haben, aber ihn einfach nicht verraten? Wir können hier ja so eine Art Namenstauschbörse einrichten. Fragen und Antworten. Ich bin gespannt auf eure bisher unbenannten Dinge (wechselnde Partner, Kinder und Haustiere sind vom Wettbewerb ausgeschlossen).



6 Kommentare 3.1.05 18:08, kommentieren

16.11.2004

Liebe Bine ? 9.11.

Oh Gott.....hatten wir Jahrestag? Ich hab ihn vergessen? Nein? Dann.....?h.....Trennungstag? Wiedervereinigung? Oh Gott.......Moment, ich komm drauf.........puh........erstes Date! Nein, das war im M?rz......kann es sein, dass wir am 9.11. bei dem einen Konzert, zu dem du dieses rote, bezaubernde Kleid mit den kleinen Schleifchen.....ach, das war meine Cousine und sie sah schrecklich darin aus.....nein, ach, ich komm nicht drauf. Ich hab's nicht so mit Gedenktagen. Mit Merktagen auch nicht. Entsetzlich, das mit dem Penisneid, nicht?

Liebe Bine. Manchmal bin ich nicht ganz ich selbst. Puck auch nicht. Er sitzt im Einkaufskorb und br?tet eine Mango aus. Er schaut sehr z?rtlich dabei. Genau genommen schaut er nicht. Er hat die Augen zugekniffen und macht einen sehr zentrierten Eindruck. Alle Kraft der Mango. Wie werde ich manchmal wieder ich selbst? Ok, positiv denken, das muss ich noch trainieren. Zun?chst trainiere ich erst mal wieder Bauchmuskeln. Mit Situps. Gestern sagte mir eine Freundin: "Hey, dann musst du aber auch die R?ckenmuskeln trainieren, sonst ist das ungesund." Ja, f?ngt man einmal an mit 5 Minuten, schon muss der Rest des K?rpers auch und, schwupp, macht man den ganzen Tag nichts anderes mehr, als sich in alle Richtungen zu verbiegen. Es lebe der Sport!

Liebe Bine. Schau, fast ist es schon ein Gedicht. Letzten Samstag bei der Party bin ich ganz sch?n abgest?rzt. Das war am 13.11., 4 Tage nach dem Tag, von dem mir nicht einf?llt, was da war. Ich bin sicher, mit einfallen hat dieser Tag auch noch in anderem Zusammenhang zu tun. Aber am Samstag bei der Party wollte ich traurig sein. Ich meine, jetzt hab ich zur H?lfte meinen Abschluss. Aber ich wurde nicht traurig. Ich habe Bier und Sekt durcheinander getrunken, viel getanzt, gelacht, geflirtet, daraufhin bekam Micha Angst und t?rmte und an mehr kann ich mich nicht erinnern. Vielleicht war ich in der Zeit traurig, an die ich mich nicht erinnern kann. Das Letzte, woran ich mich noch erinnere, war der Anfang einer Geschichte: Ich wollte schon immer mal betrunken auf einer Party dar?ber schreiben, wie die Party ist. Die H?lfte des Textes besteht aus der w?sten Aufz?hlerei irgendwelcher Namen und das soll den Sinn haben, dass der von Namen umringte Leser sich mittendrin, aber genauso fremd wie ich f?hlt. Er kennt ja keine Gesichter. Letzten Samstag hab ich es nicht geschafft. Im Kopf war die Geschichte fertig und sie war wortgewaltig. Aber ich kann mich an keinen Satz mehr erinnern.

Liebe Bine. Manchmal w?nsche ich mir, einiges zu vergessen. Es sind die gro?en Dinge. Ich vergesse viel Sch?nes. Kaum passiert etwas, das sch?n ist, kommt gleich der Zweifel an dessen Seite gehuscht, steht mit erhobenem Zeigefinger daneben und sagt: "Nur nicht ?berm?tig werden, du wei?t noch nicht, wozu es gut ist!", und dann m?chte ich es schon wieder vergessen, um den Zweifel zu vertreiben. Es w?re viel einfacher, den Zweifel zu vergessen und das Sch?ne zu bewahren und leider Gottes l?uft es immer anders herum: Ich vergesse das Sch?ne und der Zweifel bleibt. Der br?tende Puck auf der Mango ? sch?n. Mango am Dienstag letzte Woche gekauft ? ich sollte eher meinen Einkaufskorb ausr?umen, noch 2 Tage und die Mango ist verdorben, die guten Vitamine, die Kartoffeln liegen auch noch daneben und werden schon gr?n, wenn das alles verdirbt, war das rausgeschmissenes Geld, immerzu vergesse ich, meine Lebensmittel in den K?hlschrank ? der br?tende Puck auf der Mango ? schlecht. Ich schaff es nicht, positiv zu denken. Ich muss dringend meine Wohnung sauber machen, ich muss f?r die letzte Pr?fung lernen, in 2 Wochen ist Konzert und ich sollte mal die St?cken ?ben, die wir da spielen (das hab ich bisher auch vergessen), Puck soll endlich aus dem Einkaufskorb verschwinden, was mach ich nur?

Liebe Bine. Mir f?llt noch immer nicht ein, was am 9.11. war. Ich wei? nicht einmal, ob ich mir jemals gemerkt habe, was an dem Tag war. Vielleicht wusste ich es auch irgendwann und hab es verdr?ngt. Merken, erinnern, vergessen, verdr?ngen. Unsere Hirne sind hundsgemeine Biester, findest du nicht? Wir m?ssen zusammen bleiben. Vielleicht wei? die eine von der anderen die wichtigen Dinge: Ich als dein ausgelagertes Ged?chtnis und du als mein ausgelagertes Ged?chtnis. Von heute werde ich viel behalten: Ich habe es dir geschrieben. Hab Dank.


blablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablabl

1 Kommentar 16.11.04 12:24, kommentieren

09.11.2004

Nightmare on L.-R.-street

Pr?fungen und dergleichen Hoppsassa machen gerade mein Leben extrem bunt. Oder furchtbar monoton. Eins von beidem. Ziemlich sch?ner Nebeneffekt der nun schon seit Monaten andauernden Stressphase sind die Tr?ume des Nachts. Nicht nur die Pr?fungsversagenstr?ume, die ich nicht vor, sondern nach einer bestandenen Pr?fung habe, sprechen da f?r sich.
Letztens hatte ich einen sehr merkw?rdigen Traum, den ich gerne hier schildern m?chte:

Wir machen einen Kameraschwenk ?ber einen der d?stersten Vororte von Paris. Der Himmel gestaltet sich in schmutziggelben bis vergammeltgr?nen Wolken, es grummelt gef?hrlich und man m?chte meinen, dieser eine der d?stersten Vororte von Paris h?tte noch niemals die Sonne gesehen. Oder die Sonne diesen Vorort. Na egal.
In diesem Vorort nun befindet sich eine alte, elisabethanische Villa. Kurz vor Paris. Die Vorderseite ist in altem, verwittertem, unbehauenem Sandstein gehalten, das Haus insgesamt hat zwei Stockwerke und rechts, ?ber einem kleinen Erker, erhebt sich ein niedliches Rapunzelt?rmchen mit kleinen Fensterchen, einem spitzen D?chlein und darauf quietscht eine schmiedeeiserne Wetterfahne. Die Fenster des Hauses sind allesamt sehr hoch und sehr schmal ? demnach d?rfte von au?en nicht sehr viel Licht nach innen dringen, was aber egal ist, da wir uns ja in einem der d?stersten Vororte von Paris befinden, der noch niemals die Sonne sah oder die Sonne ihn ? der Dachfirst ist mit h?bschen, gotischen Zinnen geschm?ckt und eingez?unt ist dieses nette H?uschen von einer Mauer, von der man nicht genau sagen kann, wozu sie da eigentlich steht, denn sie ist eigentlich schon mehr verfallen, als noch wirklich existent. Aber die Seitenposten der Mauer, die das gewaltige Eingangstor halten, stehen noch.

Ich befinde mich im Haus, wandere die zigtausend Treppen immer wieder hoch und runter, als mir pl?tzlich unter Hammondorgelgeschepper ein hysterisches, 80j?hriges Hausm?dchen entgegen gest?rzt kommt und die kn?chernen Arme ?ber dem Kopf schwenkend immer wieder kreischt: "Ein Erdbeben! Ein Erdbeben!", und Tatsache, wie sie fertig ist mit schreien, beginnt der Boden etwas zu beben. Ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich ein Erdbeben ist oder ob es sich um die Nachwehen des Getrampels des Hausm?dchens handelt. Ich werfe also einen Blick durch eines der sehr hohen und sehr schmalen Fenster nach drau?en und wirklich, drau?en zittert der ganze Vorort. Zuerst f?hle ich mich an Wackelpudding erinnert, wie da so die anderen Villen und H?tten durcheinander schaukeln und es sieht alles sehr musikalisch aus. Aber das Hausm?dchen hat die Hammondorgelbegleitung leider mitgenommen und so h?re ich zur bizarren H?userchoreographie nur ein bedrohliches Knirschen. Dann, mit einem Mal, steht wieder alles still: Die schmutziggelben und vergammeltgr?nen Wolken h?ngen friedlich, das Grundgrummeln ist zu h?ren und im Rapunzelt?rmchen flennt das Hausm?dchen.

Ich schaue noch etwas irritiert nach drau?en, als pl?tzlich die Silhouette des Vorortrandes, die sich bisher ganz zart vom dunklen Himmel abzeichnete, zu br?ckeln beginnt. Seltsamerweise ist von Zusammenst?rzen nichts zu h?ren. Es verschwindet nur komischerweise eine H?userzeile nach der anderen, manche T?rmchen knicken auch dramatisch staublos um, aber es macht wirklich den Anschein, als w?rde sich da eine Bodenwelle genau durch diesen Vorort unter den H?usern entlang bewegen. Ich kann mir in diesem Moment sicher sein, dass die Welle auch die elisabethanische Villa, in der ich noch stehe und nach drau?en schaue, nicht verschonen wird, und ich entschlie?e mich, besser das Haus zu verlassen. Ich renne also auf die Stra?e (Gott sei dank ist das riesige, schmiedeeiserne Tor offen) und stelle mich vor das Haus. Wie ich da stehe, beginnt auch schon der Einsturz und der ist imposant: Er beginnt nicht von unten und alles von oben kommt nachgesackt, nein, das Haus zerf?llt von oben nach unten. Zuerst knickt das Rapunzelt?rmchen samt Hausm?dchen weg, dann l?st sich das Dach Ziegelreihe um Ziegelreihe auf, dann purzeln die Dachzinnen runter und zum Schluss sacken zweites und erstes Stockwerk wie ein misslungenes Souffle? in sich zusammen. Das alles spielt sich auffallend gedehnt ab, sodass ich jeden Zerfallsschritt genau beobachten kann. Ich drehe mich nach allen Seiten um ? die Stra?e, auf der ich stehe, ist erstaunlicherweise vollkommen unbeschadet geblieben und weist nicht einen Asphaltriss auf ? und wo ich hinschaue, zeigt sich mir ein Trauerbild f?r jede K?chin. Haufenweise eingefallene Souffle?s. Ich schaue wieder auf meine ehemals h?bsche, elisabethanische Villa, ich kann langsam diese schmutziggelben und vergammeltgr?nen Wolken nicht mehr sehen und die entsetzliche Stille wird mir eigentlich erst bewusst, als ich ein leises Quietschen vernehme, das sich mir langsam n?hert. Ich schaue die Stra?e hinauf, aus der das Quietschen zu kommen scheint und langsam zeichnet sich auch ein amorpher Haufen im Dunkel ab. Tats?chlich, es kommt auf mich zu. Zum ersten Mal bekomme ich Angst ? so ein Erdbeben ist ja eher Kindergeburtstag ? aber so ein amorpher, quietschender Haufen wirkt sehr bedrohlich. Nun kommt der Haufen also n?her und n?her und ich stehe wie gel?hmt da und kann mich nicht bewegen und langsam erkenne ich, dass es sich bei dem Haufen um eine menschliche Gestalt in einem Rollstuhl handelt, die langsam auf mich zugequietscht kommt. Ich atme erleichtert aus und kurz vor mir h?lt Mensch samt Rollstuhl an: Es ist ein alter Mann in einer bei?endgelben Strickjacke, einer signalgr?nen Wollhose, er tr?gt einen wei?-rot-karierten Schlips, schwarze Schuhe, eine schwarze Schirmm?tze, auf der irgendwas in wei?en Buchstaben geschrieben steht, er sitzt sehr krumm und/oder l?ssig in seinem Rollstuhl, raucht eine Zigarre, hat vom Solarium entsetzlich verbrannte Haut und wie er vor mir sitzt und langsam den Kopf hebt, erkenne ich diesen Mann auch: Harald Juhnke!
Ich steh verdutzt da, bitte Harald um ein Autogramm, dann nimmt er meine linke Hand in seine linke Hand, t?tschelt mir gro?v?terlich mit seiner rechten Hand, in der er noch die Zigarre h?lt, meine linke Hand und dabei f?llt etwas Zigarrenasche auf seine signalgr?ne Hose und er sagt zu mir: "Ach, gutes Kind." Mehr sagt er nicht. Oder besser: An mehr kann ich mich nicht erinnern.

Nach diesem extrem verwirrenden Traum hab ich nat?rlich noch ein paar Fragen:
1. Warum tr?um ich von einem Pariser Vorort, wenn ich doch noch niemals in Paris war und woher wei? ich, dass es sich ?berhaupt um einen Vorort von Paris handelt, wenn ich doch noch niemals da war?
2. Was hat eine elisabethanische Villa in einem Vorort von Paris zu suchen?
3. Warum war das Hausm?dchen so alt und erinnerte irgendwie an Miss Marple?
4. Was hat das mit dem Erdbeben zu bedeuten?
5. Wie fallen normalerweise H?user bei einem Erdbeben zusammen?
6. Warum tr?ume ich in Schmutziggelb und Vergammeltgr?n?
7. Was hatte Harald Juhnke in meinem Traum zu suchen und warum hatte er Sonnenbrand?
8. Lebt Harald Juhnke ?berhaupt noch?
9. Was haben seine Worte an mich zu bedeuten?
10. Ist der ganze Traum am Ende ganz einfach mit Penisneid zu erkl?ren?

Irgendwer mit klugen Ideen zur Interpretation kann sich gern bei mir melden.

blablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablabl

3 Kommentare 9.11.04 16:14, kommentieren

27.10.2004

Unf?lle, die kein Mensch braucht ? oder: Der Tag, an dem ich fluchen lernte.

Heute: Du und dein Fahrrad.

Ich besitze ein Fahrrad. Das hat einen Grund: Es ist modisches Accessoire. Irgendwer sagte mal: Aussehen ist alles. Ich muss das berichtigen: Gut aussehen ist alles! Das war mir so auch noch nicht bewusst. Aber sei's drum.

Ich brauche mein Fahrrad und ich liebe es.
Ich wohne am Stadtrand. Meine Heimatstadt bezeichne ich gerne als eine Scheibe Wurst, die zu lange in der Sonne gelegen hat: Ihre R?nder sind fast rund um das Zentrum drum herum nach oben gezogen und auf eben so einem Rand lebe ich. Es h?rt sich etwas nach dem Ende der Welt an, was es auch in gewisser Weise ist. Aber man entwickelt dort oben ein etwas dekadentes Lebensgef?hl. So habe ich mir beispielsweise angew?hnt, den Wurstrand auf dem Fahrrad ungebremst und mit den Solopartiten f?r Violine von J.S. Bach im Ohr hinabzudonnern und unten angekommen mit einem mentalen Kniefall Gott f?r mein Leben zu danken. Das ist so der Kick, den ich mir g?nne.

Ein weiterer Kick ist es, nachts mit dem Fahrrad durch unbeleuchtete Seitenstra?en zu jagen. Da die Fahrradlampe noch nie funktionierte, fahre ich demnach rasant blind. Aber ich sehe gut dabei aus: Schwarze Jacke, schwarzer Schal, schwarze M?tze, keine Sonnenbrille, schwarze, ?-lange Hose, schwarze, nicht zugebundene Springerstiefel, fertig. Ich bin praktisch in unbeleuchteten Seitenstra?en auf dem Fahrrad nicht zu sehen und das ist auch Sinn und Zweck der ?bung: Ich fahre mich unsichtbar.

In so einer Nacht in einer unbeleuchteten Seitenstra?e passierte auch einer meiner grandiosen Fahrradunf?lle. Die Unf?lle, die ich produziere, enden immer damit, dass mir irgendwas anschlie?end gr?sslich weh tut, aber dem Fahrrad geht es danach blendend. Ebenso kommt nie eine andere Person zu Schaden. Nur ich.

Aber jetzt der Reihe nach: Es war so eine Nacht, in der mich die innere Unruhe immer wieder aus dem Bett scheuchte. Es hatte nichts geholfen: Das warme Bad schlug fehl, von der hei?en Milch hatte ich mich ?bergeben, alle einschl?fernden B?cher waren gelesen, der Fernseher war zu laut und als H?rbuch hatte ich nur Klaus Kinski da, der mir st?hnend erz?hlte, dass er so wild nach meinem Erdbeermund w?r. Dieses v?llig abstrakte, aus meinem Schlafzimmer ert?nende M?nnergest?hn war dann der Rest, dass ich endg?ltig nicht schlafen konnte. Also zottelte ich das Fahrrad vom Flur auf die Stra?e, stieg auf und los ging's.

Die erste, unbeleuchtete Seitenstra?e zu finden war nicht schwer: Der Wurstrand besteht praktisch nur aus Seitenstra?en. Ich leg also den Berggang ein und rase los. Ich habe einen Weg gew?hlt, der schnurgerade zwischen einer H?userfront und einem unbeleuchteten Hof hindurch f?hrt. Manchmal ist dieser Hof beleuchtet, wenn noch Menschen hinter den Fenstern wach sind. Aber jetzt ist es schon zu sp?t und ideal f?r mich und meine Unsichtbarkeits?bung. Eigentlich kenne ich diesen schnurgeraden Weg ziemlich gut, da ich ihn oft entlang fahre, allerdings ist es dabei immer Tag und hell. Demnach wei? ich also, dass am Ende des Wegs eine kleine Treppe und eine Kinderwagenrampe ein St?ck nach oben f?hren. Treppe und Rampe sind durch ein Gel?nder getrennt. So langsam zeichnen sich auch Treppe und Rampe im Dunkeln ab und mir wird dennoch schlagartig eins klar: Bei Null Beleuchtung ist einfach nicht mehr auszumachen, was Rampe und was Treppe ist. Ich fahre nun also auf Treppe und Rampe zu, bin gerade knapp vor dem temporalen H?hepunkt und ?berlege kurz, auf welcher Seite die Kinderwagenrampe ist. Nach einem kurzen Eene-meene-muh-Spiel entscheide ich mich f?r rechts. Ich glaube auch, mich erinnern zu k?nnen, dass es rechts nach oben geht. Ich k?nnte nat?rlich auch einfach bremsen und nachsehen, oder vor der Treppe mit Rampe wenden und zur?ck fahren. Aber nein: Ich bin auf "Rampe-rauf" programmiert und wenn der Pawlow'sche Hund einmal sabbert, gibt es kein Zur?ck mehr. Ich ordne mich also unsichtbar rechts ein, trete noch mal kr?ftig zu, strenge meine Augen an und ? ja ? ich fahre eine Rampe hinauf. Kurz nach dieser ersten Rampe, ein St?ck um die Ecke, gibt es dann noch mal dieselbe Konstruktion von Treppe und Rampe und diesmal hab ich nicht gen?gend Zeit, noch einmal zu ?berlegen, wo es nach oben geht. Aber was einmal funktioniert, funktioniert auch ein zweites Mal. Ich geb also weiter Gas, um die Rampe mit Vollspeed hochzufahren, ziehe den Lenker nach rechts, trete erneut zu, mache mich hochfahrbereit und ? meine Fahrt wird von hundert auf null abgebremst. Treppe.
Mit einem leichten Ruck hebt es mich aus dem Sattel, aber der Schwung reicht nicht, um mich komplett ?ber den Lenker hinweg zu heben, sondern es schleudert mich, w?hrend ich hilflos mit den H?nden in die Nacht greife, unsanft gegen den Lenker und zwar mit der K?rperpartie, die richtig empfindlich ist.

Liebe M?nner: Ihr kennt diesen Schmerz, der euch in die Knie gehen, nach dem lieben Gott rufen und mindestens 2 Oktaven h?her wie ein Schulm?dchen kreischen l?sst? Lasst euch eins sagen: Ihr seid nicht allein. Nach den ersten, atemlosen Sekunden rutschte ich etwas vom Lenker hinab, die Fahrradklingel dr?ckte am Bauch und ich bekam das volle Programm: Sternchen, Glockenl?uten, die Augen quellen aus den Augenh?hlen, der Mund steht offen, um ein Br?llen zu entlassen, die Arme sind noch immer in derselben, hilflosen Greifgeb?rde eingefroren und man ist f?r einen Moment besinnungslos.
Sobald dieser Moment verstrich, lernte ich eine ganz neue Seite an mir kennen. Mir fielen Vokabeln ein, die ich mein Lebtag noch nicht benutzt hatte und die alles andere als ladylike sind, aber auf der anderen Seite auch niemals in einer ausgewachsenen Schimpftirade fehlen d?rfen (Der Anstand verbietet mir allerdings, dieses Bierkutschergeschrei wortw?rtlich wiederzugeben.): Ich verfluchte die Bauarbeiter, die einmal die Rampe rechts und dann links bauen, ich verfluchte die Treppe, ich verfluchte das Dunkel, ich verfluchte noch mal die Bauarbeiter und ihre Familien dazu und schlie?lich verfluchte ich auch noch die Rampe. Ich hab sie alle verflucht. Alle! Und dann hab ich im Cowboy-Gang mein Fahrrad heim geschoben.

Dieser Auftakt meiner skurrilen Fahrradunf?lle war f?r mich ?u?erst beeindruckend. Von den unter Schmerz erlernten und produzierten Phrasen zehre ich noch heute. Das n?chste Mal erz?hl ich dann meinen liebsten Kneipenunfall, der zum Feiertag in der Notfallchirurgie und einem Pritschenrennen zwischen mir, meinem damaligen Freund und zwei Krankenpflegern endete und dann h?tte ich noch einen Schwank, der sich um ein Messer, eine Portion gefrorenen Kartoffelbrei und einen Zeigefinger dreht.

blablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablabl

6 Kommentare 27.10.04 14:16, kommentieren

15.10.2004

Unterland

Es ist der f?nfte Tag nach Unterland. Ich stehe am Fenster bei zur?ck gezogenen Gardinen und meine linke Hand ber?hrt den Tisch. Ich sage laut: "Manchmal muss man auch schweigen k?nnen." Das ist aber genauso wie schweigen, denn es hat mich keiner geh?rt. Rechts von mir h?ngt die Kopie einer meiner Zeichnungen an der Wand und an der Wand gegen?ber h?ngt ein Gipsabdruck eines Frauenhalses. Eine verlorene Form. Das hei?t, sie w?re verloren, h?tte ich sie ausgegossen. Aber man nennt sie trotzdem so, obwohl sie noch da ist. Jetzt sind schon zwei verlorene Formen in dem Raum: Der Abdruck und ich.

Ich habe seit vier Tagen die T?r nicht mehr ge?ffnet und den Briefkasten nicht geleert. Alles schien so, als w?re ich nicht da. Wenn jemand klingelte, blieb ich ganz still in meinem Zimmer sitzen und r?hrte mich nicht. Wenn die Schritte im Treppenhaus sich von meiner T?r entfernten, wagte ich wieder zu atmen.
Am ersten Tag nach Unterland habe ich atmen ge?bt. Am schwersten war es, einzuatmen. Zuerst holte ich immer wieder so tief Luft, bis der Brustkorb schmerzte und danach presste ich jeden Atem wieder aus mir heraus. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie das bisher von alleine gegangen war und konnte an nichts anderes mehr denken. Nach zehn tiefen Atemz?gen wurde mir schwindlig und ich musste ausruhen. Ich setzte mich an den Tisch, streckte die Arme weit von mir und legte die linke Wange auf die Tischplatte. Die Tischkante grub sich unter dem Brustkorb ins Fleisch und ich dr?ckte mich dagegen. Die ersten Minuten sp?rte ich keinen Schmerz, aber das Atmen wurde zunehmend schwerer. Unter mir nahm die Tischplatte langsam meine K?rperw?rme an und als das Holz, meine Arme und meine linke Wange dieselbe Temperatur zu haben schienen, richtete ich mich wieder auf. In dem Moment hatte der Tisch mehr Leben als ich.

Dann kam der zweite Tag. Ich schaute mehrere Stunden Fotographien der Skulpturen von Giambologna an. Man wusste, dass eine Skulptur von ihm war, wenn er sie signiert hatte. Er hat ein Zeichen von sich auf jedem Werk gelassen und erst mit der Signatur wurde die Skulptur zu seinem Werk. Ich wollte auch ein Zeichen von mir lassen. Ich suchte alle meine Bilder und Zeichnungen zusammen und untersuchte sie auf ihre Signaturen. Ich stellte fest, dass die Werke vor 2000 mit einer anderen Signatur versehen waren als die Werke nach 2000. Damit waren sie ein unzuverl?ssiges Zeichen ?ber mein Dasein und so war auch eines klar: Ich musste eine neue Spur legen. Ich nahm eine Radiernadel und begann an der Unterseite des Tisches: In alles, was ich an dem Tag finden konnte, habe ich ein "D" eingeritzt oder darauf geschrieben. Bei den B?chern dauerte es am l?ngsten. Danach war ich etwas erleichtert.

Am dritten Tag nach Unterland ?bte ich Verlorensein. Ich zog die Gardinen vor dem Fenster zu, l?schte das Licht und beschloss, diesen und auch den n?chsten Tag das Haus nicht mehr zu verlassen. Ich stellte mich darauf ein, dass es lange dauert, bis man als verloren gilt. Ich lie? das Telefon klingeln, ich r?hrte kein Buch an und das Radio blieb stumm. Ich sprach an diesem Tag kein Wort, denn jede ?u?erung meinerseits h?tte alles zunichte gemacht. Ich streichelte nicht die bettelnde Katze, aber ich gab ihr Futter. Ich wusste, sie w?rde mich nicht verraten. Ihr lautes Miauen war mit Sicherheit ein Indiz f?r mein Verlorensein. Als ich die Katze gef?ttert hatte, schloss ich mich in mein Zimmer ein und lie? sie nicht zu mir. Nach einer Weile des Bettelns hatte sie offenbar vergessen, dass ich auf der anderen Seite der T?r war und ging wieder.

Dann kam Tag vier. Ich hatte mir, weil es am Morgen kalt war, einen Wollpullover angezogen, der am Hals kratze. Ich besah im Spiegel die ger?tete Haut und die Kratzspuren meiner Fingern?gel. Dabei streckte ich das Kinn nach oben und es spannte sich am Hals eine Sehne. Ich bef?hlte sie nicht, aber ich sah sie und das auch nur, weil ihr Hervortreten einen weichen Schatten auf dem Hals hinterlie?. Ich zog den Pullover aus und auch das Hemd, das ich darunter trug, ?ffnete den Badezimmerschrank, nahm Gipsbinden heraus, zerschnitt sie in kleine St?cken und weichte sie im Waschbecken ein. Danach legte ich die Bindenschnipsel St?ck f?r St?ck auf meinen Hals, strich mit beiden H?nden dar?ber, bis alle Poren der Binden verschlossen waren und wartete. Langsam trocknete der Gipspanzer um meinen Hals und ich durfte den Kopf nicht bewegen, da meine neue H?lle sehr zerbrechlich war. Nach einer halben Stunden h?tte ich den Gips von meinem Hals l?sen k?nnen. Da ich den Hals vor dem Eingipsen nicht eingecremt hatte, klebte der Gips auf mir wie eine neue Haut. Ich ging vorsichtig mit gestrecktem Hals in mein Zimmer und legte mich mit behutsamen Bewegungen hin. Das, was langsam zu einer neuen Form wurde, sollte noch eine Weile ein Bestandteil von mir sein, bevor wir getrennter Wege gehen mussten.

Jetzt ist Tag f?nf nach Unterland. Hinter mir liegen eine W?rmeosmose, eine Spur, ein Verlorensein und ich bin zur Form geworden. Ich m?chte wieder auftauchen. Ich ziehe die Gardinen vor dem Fenster zur?ck, h?nge an der rechten Wand die Kopie einer signierten Zeichnung von mir auf, an der Wand gegen?ber befestige ich den Gipsabdruck. Ich ber?hre mit der linken Hand die Tischplatte. Ich atme einmal tief ein, bereite mich auf das Auftauchen vor und trete ans Fenster, damit ich gesehen werde.

Aber drau?en vor dem Fenster geht keiner vorbei.

blablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablabl

1 Kommentar 15.10.04 01:23, kommentieren

31.08.2004

Renaissance - Komm zur Besinnung!

In unregelm??igen Abst?nden passiert es mir immer wieder, dass ich mich auf dieses oder jenes besinne. Es passiert ohne Vorwarnung, ohne einen konkreten Anlass. Keine logische Kette von Ereignissen f?hrt dort hin. Mit einem Mal sind wieder Dinge da, die man leider oder zum Gl?ck vergessen hatte?

Heute beispielsweise fielen mir wieder meine Benny-Goodman-Scheiben in die H?nde und ich besann mich auf meine Qualit?ten als 20er-Jahre-Diva. Letzte Woche hatte ich wieder einen Vivaldi-und-Bach-R?ckfall (ich muss nicht erw?hnen, dass ich als Barock-Diva umwerfend gewesen w?re). Dabei hoffe ich jetzt, dass ich damals wirklich alle Udo-Lindenberg-Kassetten gel?scht habe, denn ein Lindenbergr?ckfall w?re nahezu katastrophal.
Dabei habe ich mir Folgendes ?berlegt: Beginnt ab einem bestimmten Alter eigentlich nur noch das Wiederholungsprogramm? Na sicher, es ist logisch, dass es irgendwann nicht mehr so irre viel Neues zu erfahren gibt. Das meiste und die wichtigen Dinge hat man zum ersten Mal schon hinter sich gebracht, als da w?ren:


- Beziehung anfangen, Sex, Schluss machen

- das erste fremde Buch fertig lesen, das erste eigene Buch zu schreiben beginnen, den ersten Buchentwurf verwerfen, Maurer werden wollen

- die erste Zigarette rauchen, mit rauchen aufh?ren

- die erste eigene Wohnung beziehen, Sehnsucht nach Mutti haben, die erste wilde Party im eigenen Heim schmei?en, alleine wohnen schei?e finden

- den ersten Heiratsantrag kriegen, den ersten Heiratsantrag ablehnen (das war knapp!)

- die biologische Uhr ticken h?ren, dann eine 4st?ndige Busreise unternehmen, bei der l?rmende und vor allem kotzende Kinder an Bord sind, zum ersten Mal die biologische Uhr ganz laut und deutlich nicht ticken h?ren

- den ersten Song schreiben, von der gro?en Musikerkarriere tr?umen und hinterher feststellen, dass man wie Roland Kaiser klingt (oder so ?hnlich)

- auf der B?hne stehend vor lauter Lampenfieber so richtig patzen, nie wieder auftreten wollen und dann eine herzzerrei?end mitleidsvolle und wohlwollende Zeitungskritik bekommen

Ist es wirklich so, dass man sich irgendwann nur noch sagt: ?Kenn ich schon, kenn ich schon, ja, schonmal gesehen, hab ich auch schonmal erlebt, ist mir erst gestern passiert.??
Und: Was gibt es morgen zu essen?

blablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablabl

2 Kommentare 31.8.04 15:14, kommentieren

25.08.2004

Ein Zuviel vom Zuwenig

Immerzu habe ich das Gef?hl, es sitzt eine Katze neben mir. Das ist nicht ganz ungew?hnlich, denn ich habe zwei Katzen und beide sitzen auch oft abwechselnd links von meinem Stuhl. Dann strecke ich am Schreibtisch sitzend beruhigend hinhaltend und abbremsend meine linke Hand aus, um die Katze neben mir noch einen Moment nach unten zu zwingen, bevor sie alles Abwehren ignoriert und mir auf den Scho? springt.

In letzter Zeit ertappe ich mich immer wieder dabei, dass ich die beschriebene Handbewegung ausf?hre und es sitzt gar keine Katze neben mir. Ich bezwinge Luft. Ich rede mit dem Fu?boden. Ich beruhige nichts und mein Scho? bleibt leer. Ich beginne, meine beiden Mitbewohner mit ihrer ganz eigenen, charmanten Aufdringlichkeit zu vermissen. Ich glaube, sie stehlen sich langsam davon.
Wenn ich mir dessen bewusst werde, nehme ich oft das Telefon in die Hand und will jemanden anrufen, ihm sagen, dass sich langsam etwas auf meinem Leben stiehlt. Das Zuwenig wird immer gr??er. Die Hosen werden weiter, das Tiefk?hlfach friert zu und das Obst vergammelt im K?hlschrank, der Minutenzeiger rast, ich halte den Telefonh?rer in der Hand und stelle fest, dass ich alle Freunde zu lange nicht mehr gesprochen habe, um ihnen eine derartige Belanglosigkeit mitzuteilen, dass keine Katze neben mir sitzt und ich eine Gewohnheit beibehalten habe, die im Grunde schon nicht mehr existiert. Ja, wie jetzt? Ich hindere eine Katze daran, mir auf den Scho? zu springen, die gar nicht da ist.

Ich habe ein Zuviel von dem Zuwenig. Man kann es sich auch anders vorstellen: Ich trainiere nun seit ein paar Jahren das Alleinsein. Anfangs hielt ich es f?r eine gesunde Sache. Man lernt, mit sich selbst klarzukommen, entwickelt ein Selbstbild, ohne sich immerzu fremdzuspiegeln, man verzichtet auf Hilfe, um dies und das endlich mal alleine zu schaffen, man ruft ein paar Tage lang keine Freunde an, um manches und jenes alleine auszukaspern, zu durchdenken und zu l?sen, man erfindet seltsame Strategien, um den Bierkastentransportaufwand zu minimieren UND man legt sich Katzen zu, um das Alleinsein irgendwie weniger einsam aussehen zu lassen.

Dann, eines Tages, sitzt keine Katze mehr neben einem. Sie hat schon lange nicht mehr neben einem gesessen und man stellt es erst Tage oder Wochen sp?ter fest. Auf einmal bin ich nicht mehr alleine. Ich bin tats?chlich einsam geworden. Mit einem Mal bin ich Eine mir nicht mehr alles und werde mir meiner Vereinzeltheit auch noch bewusst. Pl?tzlich fehlt mir eine N?he, ein Atmen neben meinem, eine vorsichtig an meine Wange gelegte Hand, ein um ein Achtel verschobener Schritt neben meinem, die zweite Stimme im Kanon. Eine ins Schloss fallende T?r und die Gewissheit, dass sich diese in ein paar Stunden wieder ?ffnet.

blablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablabl

2 Kommentare 25.8.04 17:24, kommentieren

26.7.2004

Im Kreis - Fragment

Einmal ? ich glaube, es war heute ? ich wei? noch immer nicht so recht, wie mir geschah, erwachte ich in einem Zimmer, das nicht mir geh?rt. Eine s?? verbl?hte Bl?mchentapete fiel fast auf mich herunter und ein sehr h?sslicher Bilderrahmen 45? rechts von meinem einen Auge zerst?rte vollkommen den Blick auf einen ? ich wei? nicht ? Kunstdruck? Meine Mutter hatte schon immer gesagt, dass das irgendwann passieren wird. Man muss aufwachen. Man muss! Aber muss man es unbedingt in einem Zimmer, das einem nicht geh?rt?

Ich wei? es ganz genau: Ich bin noch gestern in meinem eigenen Zimmer ins Bett gegangen. In mein eigenes Bett. Ich bin mir sehr sicher, dass ich gestern mit niemandem mitging und mich auch keiner mitgenommen hat. Mich hat ?berhaupt noch nie jemand mitgenommen. Alle sagen immer nur: ?Doris?, sagen sie, ?Doris, du musst noch sehr gro? werden und unglaublich viel lernen.? Und dann sagen sie immer noch: ?Doris,?, so sagen sie, ?Doris, das wird so alles nichts.? Und es wurde tats?chlich bisher nichts. Ich kann nicht einmal mehr in meinem eigenen Zimmer aufwachen.

Es kommt ja auch gar niemand und sagt mir, wessen Zimmer das hier eigentlich ist. Wenn ich daran denke, dass der, dem das Zimmer hier geh?rt, pl?tzlich kommt und mich fragt, was ich in seinem Zimmer, aber in einem fremden Bett mache ? das Bett geh?rt n?mlich mir. Nur das Zimmer nicht und auch nicht die Bl?mchentapete. Der Kunstdruck erst recht nicht! Ja, da bekomme ich sehr weiche Knie. Aber ich liege ja noch im Bett.
Ich stammle. Ich stottere sehr. Ich erz?hle dem irgend einen Unsinn, dass neulich die Japanische Zierkirsche gef?llt wurde, die im Fr?hjahr ihre wei?en Bl?tenbl?tter auf den Weg hat fallen lassen und die nicht weggekehrt wurden. Da hat man einfach den Baum gef?llt. ?Es fehlen die Besen und Harken?, hat man mir gesagt, als eines Tages ungehindert die Sonne direkt in mein Zimmer fiel. Ja, da fehlte der Baum. ?Aber?, so wird derjenige sagen, in dessen Zimmer ich jetzt liege und das nicht mir geh?rt, ?Aber das tut doch gar nichts zur Sache! Ich habe ja nichts dagegen, dass Sie in meinem Zimmer liegen. Aber warum tun Sie das ausgerechnet in Ihrem Bett? In meinem Zimmer? Ich meine, ich habe doch selbst ein Bett und jetzt starren Sie nicht so unversch?mt meine Tapete an! Ich wei?, sie ist etwas von vorgestern, aber wir sind ja alle nicht mehr so frisch, nicht wahr??
Und dann verschlucke ich mich vor Aufregung. Ich werde immer sehr aufgeregt, wenn einer in langen S?tzen zu mir spricht und dabei nur von mir! Kein einziges Wort verliert der da, dem das Zimmer hier geh?rt, ?ber sich. ?Man muss nicht immer f?r alles einen Namen haben.? Wer sagt das eigentlich? Ich finde, man muss das schon. Schon alleine, um die Zimmer voneinander zu unterscheiden, muss man das k?nnen. Und der andere sagt kein Wort ?ber sich. Er zwingt mich noch nicht einmal, das Bett zu verlassen, sondern redet nur unentwegt ?ber mich. Und ich liege stocksteif in meinem Bett, denke an die japanische Zierkirsche und finde, dass man die gar nicht braucht, wenn man so viele Blumen auf der Tapete hat. Aber die macht auch keiner weg. -

Der, dem das Zimmer geh?rt, kommt nicht.

Ich sehe die T?r und keiner redet ?ber mich. Ich muss ?berlegen, was ich gestern zuletzt getan habe. Man sagt ja, dass man ?berlegen soll, was man zuletzt getan hat, wenn man versucht, etwas wiederzufinden, das man irgendwo verloren hat.
Als ich gestern zum letzten Mal mein Zimmer verlie?, fuhr ich Fahrrad. Es war vor dem gro?en Kino und es regnete. Als Kind bin ich immer sehr gerne auf dem Fahrrad gefahren vor unserem Haus auf dem Weg. Im Kreis. Ich durfte nicht wegfahren. Meine Mutter musste mich immer sehen k?nnen. Deswegen fuhr ich im Kreis. Ich wollte ja fahren, aber ich durfte nicht weg, au?er Sichtweite kommen. Also blieb nur der Kreis. Ich hatte viel ge?bt, ganz kleine Kreise fahren zu k?nnen und dabei nicht umzufallen. Wenn der Kreis zu klein wird, kippt man irgendwann nach au?en.
Gestern fuhr ich auch wieder im Kreis. Vor dem gro?en Kino. Ich fahre gro?e Kreise und Leute laufen mir immerzu dazwischen, sodass ich nie einen Kreis zu Ende fahren kann. Dann beginnt es zu regnen und ich muss schneller fahren. Zuerst wird mein Gesicht ganz zugeregnet und dann klebt die Hose an den Beinen fest. Ich muss nach hause und die Hose wechseln und es laufen auch immer mehr Leute durch den Regen. Sie hetzen, wollen ins Trockene und laufen unaufh?rlich durch den Regen.
Ich stelle mich an die Bushaltestelle und weil es so regnet, haben sich alle Menschen, die auf den Bus warten, in das Warteh?uschen gequetscht. Ich passe nicht mehr mit darunter und stelle mich vor das H?uschen.

Die von drinnen schauen sehr feindselig.

Da bei denen allen steht auch ein Mann mit einem riesigen Doppelkinn, welches das eigentliche Kinn wie eine k?mmerliche Karikatur aussehen l?sst. Er hat noch einen Schirm aufgespannt und steht trotzdem mit in dem H?uschen. Die eine Speiche des Schirms tippt bei jedem Windsto? auf die Kapuze der Jacke des Manns neben ihm.

Beide schauen feindselig.

Ich stelle mich noch gr??er vor sie. Wenn ich sie sch?tze, schauen sie vielleicht weniger feindselig. So packe ich das Fahrrad an Lenker und Sattel und stelle mich mit sicherem Schritt in den Regen. Ja, da kann kommen, was will! Ich stelle mich vor alle und warte mit ihnen auf den Bus. Und mit einem Mal h?lt in der Haltebucht ein Auto mit quietschenden Reifen. Dahinter kommt schon der Bus. Und wie das Auto quietschend anh?lt und ein Mann heraus springt, packt mich das wilde Entsetzen. Er springt aus dem Auto, h?lt sich eine schwarze Aktentasche ?ber den Kopf und mit der anderen Hand hechtet er aus dem Auto und das linke Bein flieht voran. Ich kann nur noch auf mein Fahrrad springen und die, die hinter mir stehen, alleine lassen. Das ist die pure Feigheit. Was konnte ich auch ahnen, dass ich denen da hinter mir so ?berhaupt nicht gewachsen bin?! Aber sie haben sich auf mich verlassen und blieben hinter mir stehen. Sie schauten zwar feindselig, aber stehen geblieben sind sie trotzdem. Und ich ergreife feige die Flucht. Ich lasse sie alle stehen. Die T?r vom Auto fliegt zu und ich fahre los, als gelte es mein Seelenheil! Der linke Oberschenkelmuskel schmerzt, ich trete kr?ftig zu, die hinter mir schauen immer feindseliger, ich muss los und vor allem weg von hier und was soll ?berhaupt werden, wenn da schon einer mit einer Aktentasche ?ber den Kopf gehalten aus dem Auto f?llt, dahinter kommt der Bus und es regnet in Str?men! Aus dem Auto, aus dem der Mann gefallen kam, dr?hnt Musik - "I\'m mad about you, I\'m mad about you!" - und dann kommt mir eine Frau vor mein Fahrrad gelaufen, bleibt pl?tzlich wie angewurzelt stehen, aber ihr Blick l?uft weiter an mir vorbei, sie hat die Augen weit aufgerissen und die kurzen auberginefarbenen Haare stehen wirr nach allen Seiten ab, eine irre Ratlosigkeit greift um ihre Wangenknochen und bleiche Falten spannen sich von den Nasenfl?geln abw?rst zum Kinn, sie hat die rechte Hand erhoben und will irgendwas rufen, als sie vor mir stehen bleibt und ihr Blick an mir vorbei l?uft geradewegs in die Menschenmenge in dem Warteh?uschen hinein und sie alle warten auf den Bus und die Frau steht da mitten im Lauf wie eingefroren, die rechte Hand erhoben, als h?tte da einer das Bild angehalten, ausgeschnitten und in einen sehr h?sslichen Rahmen gepackt, in den man nur Kunstdrucke tut. Kunstdrucke. In den man sonst nur Kunstdrucke tut!

Man muss irgendwann aufwachen. Man muss!

blablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablablabl

1 Kommentar 26.7.04 20:55, kommentieren